Erste Spurensuche: BERNRIED und ISMANING

Emails an einen Freund - Ludwigsburg, den 25.08.2004 und 03.09.2004

Lieber Peter,

stell dir vor: ICH WAR IN BERNRIED!!!

Obwohl es wie aus Kübeln goss, brachen wir gestern in aller Herrgottsfrühe in Richtung Oberbayern auf. Ab Starnberg legte der Regen eine Pause ein, sodass ein erster Erkundungsgang durch Bernried trockenen Fußes möglich war!

Zunächst ging's zum Bahnhof; denn eines der letzten Werke Ludwig Hofelichs, datiert vom Oktober 1902, trägt den Titel "Motiv vom Bahnhof". Dieser liegt in Bernried etwas abseits, aber durch die enorme Bautätigkeit in den vergangenen 100 Jahren war das Motiv nicht mehr auszumachen. Das marode Bahnhofsgebäude wirkt schon recht alt, es könnte also durchaus zu Ludwigs Zeiten - damals ein futuristischer Neubau - existiert haben.

Ich stelle mir vor, wie Ludwig ankommt auf dieser eingleisigen Strecke: Steigt aus, beladen mit Staffelei und Malgerät, Koffern und Reisetaschen, dem Gepäck für 6 Monate! Die Jungen, Wilhelm und Arnold, freudig erregt, ausgerüstet mit ihren Botanisiertrommeln und Schmetterlingsnetzen, endlich werden sie wieder am See spielen können! Vielleicht haben sie einen Kescher dabei, um Stichlinge zu fangen. Und Laura, hat sie Noten mitgebracht? Oder muss sie ein halbes Jahr ohne Klavier auskommen in diesem einsamen Dorf? Wird die Familie abgeholt? Vielleicht steht der Quartiersgeber mit seinem Gespann bereit.

Die Wege in Bernried sind kurz. Selbst wenn die kleine Bahnstation außerhalb liegt, ist der Reitweg schnell erreicht. Zu Ludwigs Zeiten waren die Häuser Bernrieds scheinbar nur durchnummeriert. Das Haus Nr. 18 1/2, heute Reitweg 8, ist damals ein Neubau aus dem Jahre 1880 und liegt mitten im Dorf.

Als ich das Haus fotografieren will, setzt wieder Regen ein. Wir warten eine ganze Weile im Auto, aber es ist kein Ende abzusehen, alles grau ist in grau. Wir beschließen, die Zeit nicht zu vergeuden und das nahgelegene Buchheim-Museum zu besuchen.

Lage, Architektur, Sammlungen, Fotos und Texte von Lothar-Günther Buchheim..... alles beeindruckt mich! Wir bleiben drei Stunden. Zu kurz, ich weiß! Aber wir sind wegen Ludwig und Wilhelm gekommen. Als der Regen endlich aufhört und die Sonne durch die Wolken bricht, treten wir auf den Steg, der vom Museum der Phantasie in den See hinausführt. Staunend betrachten wir diese Bilderbuchlandschaft, die Ludwig zur Wahlheimat geworden war und in der der kleine Wilhelm seine Kindersommer verlebte.

Wir verabschieden uns von Buchheim und kehren nach Bernried zurück. In dem schönen, weitläufigen Park mit seinem alten Baumbestand erkenne ich etliche Motive und Blickwinkel Wilhelms wieder. Das Bild, das ein Tutzinger ersteigerte, ist auf einem Hügel entstanden, auf dem eine mächtige Eiche steht.

Insgesamt ist es sehr ruhig und friedlich im Park, selbst unten am See. Zwei spielende Kinder am Wasser, ab und zu ein Radfahrer. Diese Ruhe erstaunt mich am meisten, hatte ich doch Trubel befürchtet am Starnberger See zur Sommerzeit!

Wir kehren noch mal in den Reitweg zurück. Niemand ist dort zu erblicken, den man zur Geschichte des Hauses und zu Hoflichs Aufenthalt befragen könnte. Dann erspähe ich eine alte Frau, die mit einer Schubkarre vom Friedhof kommt. Steuert sie die Nr. 8 an? Tatsächlich! Ein kurzer Blickkontakt, die Frau macht einen netten, offenen Eindruck. Ich reiße das Törchen auf, damit sie ihr Gefährt ungehindert in den Garten schieben kann. Dann stelle ich mich vor, erkläre, warum ich hier bin. Mein erster Eindruck bestätigt sich, ohne Misstrauen erzählt die Frau die Geschichte des Hauses.

Seit der Erbauung hat es in 124 Jahren nur drei Besitzerwechsel gegeben. Die jetzige Eigentümerin weiß alles lückenlos! Aber von Hofelich ist ihr nichts bekannt. Zu jener Zeit seien während der Sommerzeit immer viele Maler ins Dorf gekommen, erzählt sie. Die mieteten sich bei den Einheimischen für Wochen oder gar Monate ein, brachten oftmals Personal mit, Kinderfrau und eine eigene Köchin.

Ich verspreche Frau Theobald, ihr ein Foto von Ludwigs Selbstporträt zu schicken, damit sie weiß, wen die Mauern ihres Hauses seinerzeit beherbergt haben; und natürlich ein Foto von Wilhelm, dessen Geburtshaus es ja ist. Und sie will alles aufschreiben, was ihr zum Haus noch einfällt.

Danach fahren wir wegen des eindrucksvollen Süd-Nord-Blicks auf den Starnberger See noch nach Seeshaupt; und auf der Heimfahrt legen wir einen kurzen Stopp in Tutzing ein. Um Mitternacht sind wir wieder zu Hause, todmüde, aber voller Eindrücke... und neuer Ideen!

Fazit meiner Tour nach Bernried ist, dass ich meine Recherche auf den Spuren der beiden Maler fortführen werde, fürs erste in Bayern, als nächstes Ismaning... bald schon Italien: Torbole, Rom, wer weiß?

Liebe Grüße, Gabriele

Bereits eine Woche später: ISMANING

Lieber Peter,

jetzt hab' ich es in der letzten Ferienwoche doch noch geschafft, auch Ismaning einen Besuch abzustatten! Vorabschicken möchte ich, dass ich an diesen Ort keine so hohe Erwartungshaltung wie an Bernried hatte. Nein, Ismaning - so hatte ich mir vorgestellt - ist sicherlich nicht mehr das Torf- und Krautdorf von vor 100 Jahren, aber wohl eine "Schlafstadt" für München-Pendler... und, so fürchtete ich, nicht besonders attraktiv. Wenn ich das alte Schulhaus von meinem Ismaninger Wintergemälde fände und den Dorfbach, dann wollte ich zufrieden sein!

Nun gut, wir fuhren aus Richtung Garching in Ismaning ein. Zentrales Parken (sogar kostenlos!) ist fast überall möglich. Gleich neben der Straße verläuft ein BACH! "Der Seebach", gibt eine freundliche Frau Auskunft. Und es gäbe noch einen weiteren, den "Gleißenbach"! Ob auch noch ein altes Schulhaus existiere, frage ich. Tatsächlich! Das sei nun die Volkshochschule, erklärt sie und beschreibt den Weg dorthin.

Das Gebäude der VHS ist ein renovierter Altbau. Wir umrunden ihn, sind etwas ratlos, ob das Haus tatsächlich so alt ist, dass Ludwig es gemalt haben könnte. Die unmittelbare Umgebung sieht völlig anders aus als die auf meinem Lieblingsgemälde, nirgendwo Gärten, nur ein gepflasterter Hof, ansonsten ist alles bebaut. Als wir wieder am Eingang ankommen, schließt gerade eine Frau die Schultür ab. Die wird sich auskennen, denke ich, und spreche sie an. Das Gebäude ist von 1912, erfahre ich, das noch ältere Schulhaus, südlich der Kirche, sei in den 50er Jahren abgerissen worden.

Schade! Konzentrieren wir uns also auf die Bäche! Wir laufen nacheinander an beiden entlang, mit ihnen und gegen sie. Überall ist WASSER in Ismaning, überall fließt's und plätschert's und sprudelt's. Es ist auch SEHR GRÜN, und es gibt schöne, verborgene und lauschige Plätze an dem ansonsten sehr ordentlichen, sauberen und aufgeräumten Ort. Ab und zu sehen wir auch mal einen Bauernhof. Die Dachneigung stimmt, aber nicht die Höhe. Klar, dass Gebäude aufgestockt werden im Laufe von 120 Jahren!

Es ist sehr heiß, die Sonne brennt. Irgendwann bekommen wir Hunger und Durst. Im Schatten alter Kastanienbäume essen wir Schweinekrustenbraten mit Kartoffelknödeln und Krautsalat, so wie sich das gehört in Bayern! Die Kellnerinnen sind einheitlich in weiß-blaue Dirndlkleider gewandet... um das Auge der Touristen zu erfreuen, denke ich. Tatsächlich Touristen? Im vollbesetzten Biergarten höre ich nur bayrische Laute und einen Amerikaner. Als ich mich mal umschaue, sehe ich fast ausschließlich Männer, wohl während ihrer Mittagspause, bei vielen baumeln die Identifikationskarten um den Hals. Wir scheinen die einzigen Touristen zu sein!

Nach dem Essen beschließen wir, die Bäche bis zu ihrer Mündung zu begleiten. Bei einer ehemaligen Mühle treffen sich die beiden Wasserläufe und bilden einen gemeinsamen, etwas breiteren Bach. Wir stehen auf einer kleinen Brücke und schauen auf dieses "Ereignis" hinunter. Unwillkürlich muss ich an die Geburt "meines" Flusses in Hannoversch Münden denken. Hier in Ismaning gibt's eine Kopie, halt nur im Kleinen. Mein Mann hat den gleichen Gedanken: "Wo Werra sich und Fulda küssen...", murmelt er, und wir müssen lachen.

Je weiter wir den Bach begleiten, desto "lauter" wird er. Allmählich gewinnt er an Gefälle (in diesem so FLACHEN Ismaning!) und stürzt sich letztendlich mit einem Getöse in die Isar, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht!

Ach, die Isar! Was für ein schöner Fluss! Sicher, ich hab sie früher schon gesehen, oft überquert, immer im Auto. Jetzt sehe ich sie erstmalig bewusst. Das Besondere ist, sie darf fließen, wie sie will, jedenfalls an dieser Stelle! Nichts ist begradigt oder einbetoniert. Auf der einen Seite stehen die Bäume dicht am Ufer, tunken ihre Äste und Zweige tief ins Wasser. Auf unserer Seite gibt der Fluss ein breites Kiesbett frei. Wir klettern die Böschung hinunter. Ich kann nicht widerstehen, der Fluss ist zu einladend. Anders als "meine" Weser, die ich immer gefürchtet habe, macht mir die Isar keine Angst. Ich kann bis zum Grund schauen, Kieselsteine, flach, wunderbar!

Natürlich hab ich kein Handtuch dabei, aber egal, Schuhe aus, Hose hochgekrempelt und rein! Bis zu den Knien im herrlich kühlen Wasser wate ich im Fluss umher und kann kein Ende finden. Wie angenehm es ist, die runden Kiesel unter den Füßen zu spüren! Viel zu selten laufe ich barfuss! Nachher trocknet die Sonne die Haut, wozu ein Handtuch?

Bevor wir heimfahren, machen wir noch einen abschließenden Spaziergang am Ortsrand, auch da überall Wasserläufe, kleine Weiher, Tümpel!

OHNE Hofelich wäre ich gewiss nicht nach Ismaning gekommen. Und wenn doch..... man kennt das ja, während einer längeren Autoreise, fährt man runter von der Autobahn, um irgendwo einzukehren und sich ein bisschen die Beine zu vertreten. Manchmal ist man angenehm überrascht von einem Ort und behält ihn in Erinnerung, doch die meisten vergisst man wieder. Durch Ludwig Hofelich hatte ich eine andere Wahrnehmung von Ismaning, eine GÄNZLICH ANDERE, als hätte ich diesen Ort nur als Autostop erlebt.

Ganz, ganz liebe Grüße, Gabriele



02.06.2013

© 2004-2011 Gabriele Wittfeld