MARINA, MARINA, MARINA

Mein Blick ruht auf einem kleinen Mädchen, das selbstversunken in sein Spiel auf dem Sofa sitzt und sich müht, seinem Teddybären eine Jacke anzuziehen. Der störrische Bär macht jedoch die Arme steif und hilft kein bisschen mit. Die Kleine ermahnt ihn sanft. Aus dem Radio klingt leise Musik; nebenan in der Küche hantiert die Mutter mit Geschirr und Töpfen. Spätsommerliches Licht fällt auf die weiße Tischdecke mit den großen blauen Punkten. Von der Straße dringen nur wenige Geräusche in die kleine Welt. Ab und zu fährt ein Auto vorbei; in der Ferne bellt ein Hund. Plötzlich hebt das Kind den Blick, der halb angezogene Teddy fällt in die Sofaecke. Das kleine Mädchen steht auf und macht ein paar Schritte auf das Radio zu. Es ist nun ganz Ohr. "Marina, Marina, Marina....." tönt es in einer fremden, wundersamen Sprache. Das kleine Gesicht verändert sich, wird seltsam abwesend. So hingebungsvoll wie es gerade noch in sein Spiel vertieft war, lauscht das Kind nun der flotten, eingängigen Melodie. Es hockt ganz dicht beim Radio. Als das Lied zu Ende ist, geht es in die Küche und fragt seine Mutter, was der Mann denn da gesungen habe. "Ich habe es auch nicht verstanden, das war ITALIENISCH", antwortet die Mutter.

Ein paar Jahre später. Das Mädchen ist mit einer Freundin auf dem Heimweg von der Schule. Eine Werkssirene heult, es ist zwölf Uhr mittags. Kalt ist es geworden, sogar ein bisschen Schnee ist gefallen, der erste in diesem Winter. Die beiden Freundinnen beratschlagen, was sie am Nachmittag machen wollen. Zum Schlittenfahren reicht es noch nicht, sie beschließen daher Rosenbilder zu tauschen und Quartett zu spielen. Als die Mädchen an der Fabrik vorbeikommen, sehen sie ein Grüppchen junger Männer am Werkstor stehen. Die Burschen treten von einem Bein auf das andere, trotzen mit hochgeschlagenem Kragen dem eisigen Wind. Sie stehen dicht beieinander und unterhalten sich lebhaft in einer unverständlichen, klangvollen Sprache. Neugierig beäugen die Freundinnen die fremden Männer. Wie klein sie sind, wie dunkel die Augen, wie schwarz das lockige Haar! Die Mädchen spitzen die Ohren, aber die aufgeschnappten Satzfetzen bleiben rätselhaft und geheimnisvoll. Langsam gehen die Freundinnen weiter. "Was sind das für Männer, woher kommen die?" fragt das Mädchen. "Mein Bruder sagt, das seien ITALIENER", antwortet die Freundin.

Mitte der 60er Jahre, Sommerferien. Mit einem kräftigen Ruck zieht das Mädchen das Zugfenster herunter und lässt sich den Fahrtwind ins Gesicht wehen. Fühlt sich die Luft wärmer an als daheim? Grün-weiß-rot flattert die Trikolore vor fast wolkenlos blauem Himmel. Der Brenner. Endlich! Die Zustimmung der Eltern, nach ITALIEN reisen zu dürfen, hatte sie einiges an Überredungskunst gekostet. Ein Bus bringt die kleine Gruppe in ein abgeschiedenes Dorf im Pustertal. Die Herbergseltern sprechen einen deutschen Dialekt, aber immerhin gibt es gleich am ersten Abend "Pasta asciutta". Anschließend hält ein Südtiroler einen Vortrag über Italienisierung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit, mahnt, keinen Kontakt zu Italienern aufzunehmen. Die Jugendlichen unterhalten sich, hören nur mit halbem Ohr hin. Als draußen ein Trupp Gebirgsjäger vorbeizieht, mit schönen, Feder geschmückten Hüten, ist es mit der Aufmerksamkeit für den mürrischen Redner ganz vorbei. Es ist weit nach Mitternacht, als im Jungenzimmer langsam Ruhe einkehrt, und auch bei den Mädchen künden regelmäßige Atemzüge von tiefem Schlaf. Nur bei den beiden Freundinnen will sich der nicht einstellen. "So habe ich mir ITALIEN nicht vorgestellt." flüstert das Mädchen. "Ich auch nicht", seufzt die Freundin. In den frühen Morgenstunden übermannt die Müdigkeit auch sie.

Als die Freundinnen am übernächsten Tag an der Piazzale Roma aus dem Bus steigen, tauchen sie ein in Stimmengewirr, Hektik und fröhliches Durcheinander. Am Busbahnhof von Venedig geht es laut und geschäftig zu. Die beiden beschließen, nicht mit dem Vaporetto-Boot zu fahren; denn das Taschengeld ist knapp und muss zwei Wochen reichen. Der Strom der Touristen erfasst sie, spült sie durch enge Gassen, vorbei an unzähligen Souvenirgeschäften, an schönen, im Verfall begriffenen Fassaden, entlang der Kanäle mit prächtigen Palazzi, über schmale, steinerne Brücken, unter denen Gondolieri mit eleganten Bewegungen ihre schwarzgelackten Kähne hindurch manövrieren. In einer kleinen Bar in der Nähe des Markusplatzes leisten sich die Mädchen vom gesparten Vaporetto-Geld eine giftgrüne Menta und kommen mit einer Gruppe Gleichaltriger aus Mailand ins Gespräch. Die Mädchen bedauern, kein italienisch zu verstehen, aber die Unterhaltung klappt auch auf englisch einigermaßen. Als die Freundinnen später vom Campanile über die Dächer der Stadt blicken, haben beide das Gefühl, endlich in Italien angekommen zu sein.

Viele, viele Jahre später. Das Mädchen ist längst eine erwachsene Frau, die oft und gern mit Mann und Kindern nach Italien reist. Sie genießt die abwechslungsreiche Landschaft, die zauberhaften Städte, das milde Klima, die mediterrane Küche ...und immer wieder auch die wunderschöne Sprache. Wenn sie vor einem Palazzo, einem Museum oder in einem Laden Schlange stehen muss, stimmt sie das nie ungeduldig oder gar verdrießlich. Im Gegenteil! Die Wartezeit in einem Schwall italienischen Geplappers zu verbringen, gleichsam eine verbale Dusche auf sich niederprasseln zu lassen, bereitet ihr immenses Vergnügen. Es macht ihr nichts aus, kaum etwas zu verstehen. Denn schon das Zuschauen ist die reinste Freude, die Mimik der Italiener, ihre Bewegungen, das zuweilen wilde Gefuchtel, mit dem sie die Melodie ihrer Sprache unterstreichen.

Wieder ist eine Italien-Reise geplant, diesmal nur ein Kurztrip nach Torbole, um die Urheberschaft eines Gemäldes zu klären. Seit Jahren beschäftigt sich die Frau, die mit einem passionierten Sammler verheiratet ist, intensiv mit Leben und Werk zweier Münchner Maler. Ludwig und Wilhelm HOFELICH, Vater und Sohn, brachten von ihren Reisen in den Süden eindrucksvolle Gemälde und Skizzen mit nach Hause, von denen sie und ihr Mann eine stattliche Anzahl erwerben konnten. Jetzt steht die Kunst- und Italien-Liebhaberin in ihrer Ludwigsburger Stammbuchhandlung, hat gerade einen Gardasee-Reiseführer ausgewählt, da fällt ihr Blick auf das benachbarte Regal mit den Sprach-Lehrbüchern. Das Italienisch-Lehrwerk mit einem verführerischen Espresso auf dem Cover zieht sie magisch an. Sie blättert ein bisschen darin und kann nicht widerstehen das Buch zu kaufen. Zu Hause hört sie sofort in die Audio-CD. Ach, wie schön! Sie versteht nicht viel, ist aber gleich wieder Feuer und Flamme.

Dann nimmt das Abenteuer ITALIENISCH seinen Lauf. Die Sammlerin kommt mit einem römischen Kunstliebhaber in Kontakt, der einige großformatige Hofelich-Gemälde von ihr kauft, für die sie keinen Platz hat. Der Römer ist aufgeschlossen und kommunikativ, sehr freundlich, gebildet und humorvoll. Rasch entwickelt sich ein intensiver Email-Austausch, wobei man einander zunächst englisch schreibt. Doch schon bald bemerkt die eifrige Schreiberin, dass ihrem Email-Partner diese Sprache nicht sonderlich gefällt. Immer wieder schiebt er italienische Passagen ein, nicht aus Rücksichtslosigkeit, wie er zu seiner Entschuldigung vorbringt, sondern aus Notwendigkeit. Ab und zu müsse er einfach ein paar Gedanken in seiner Muttersprache loswerden. Es sei nicht weiter wichtig, dass sie sie verstünde. Natürlich ist sie neugierig, auch die italienischen Textstellen zu begreifen. Sie findet jemanden, der sie ihr übersetzt, ...und sie ist hingerissen! Denn das, was der Römer in seiner eigenen Sprache äußert, sind philosophische Gedankensplitter, literarische Sequenzen! Ihr Wunsch, italienisch zu verstehen, sich endlich auch aktiv mit der Sprache zu beschäftigen, deren Klang sie seit Kindheitstagen fasziniert, wird so übermächtig, dass sie sich drei Monate nachdem ihr der Römer begegnet ist, für einen Italienischkurs anmeldet.

Vier Wochen nach Kursbeginn fährt sie mit ihrem Mann wie geplant nach Torbole, um herauszufinden, wer der wahre Schöpfer des Goethehaus-Gemäldes ist, Vater oder Sohn Hofelich? Im Gespräch mit Claudio, dem Besitzer des Bildes, probiert sie die ersten zaghaften Schritte auf der noch ganz jungen, frischen Sprachwiese. Der Trentiner spricht gut deutsch, so kann sie die Sprachen kombinieren und fehlende italienische Begriffe, es sind erschreckend viele, durch deutsche ersetzen. Sie entdeckt, dass ihr die solide Basis, die sie in zwölf Jahren Spanisch-Unterricht erworben hat, als stabiles Fundament für die neue romanische Sprache dienen kann. Und sie bereut nicht mehr, die damalige Entscheidung für das "nützlichere" Spanisch allein ihrem Verstand überlassen zu haben, wohingegen das Herz immer für Italienisch plädierte. Am Tag ihrer Abreise gibt Claudio ihr einen beflügelnden Satz mit auf den Weg, den sie nicht vergessen wird. Beide stehen am kleinen Hafenbecken des Gardasee-Städtchens, als er plötzlich sagt: "Weißt du, Gabriele, die italienische Sprache ist schon in dir, du musst sie nur noch hervorholen." Ermutigt und überzeugt davon, dass es nie zu spät ist, eine Fremdsprache zu lernen, tritt sie die Heimreise an und schickt dem Römer selbstbewusst und kühn ihre allererste italienische Email über die Alpen. Der gerät vor Freude völlig aus dem Häuschen, antwortet in seiner Muttersprache und verspricht, sie so gut er es vermag, dem wachsenden Kenntnisstand seiner Email-Partnerin anzupassen.

Was nun folgt, sind zunächst spanisch-italienische Emails von Gabrieles Seite, und italienische, mit erklärenden Begriffen in englisch in Klammern, vonseiten des Römers. Die Anfängerin macht rasante Fortschritte, sodass ihr sizilianischer Italienischlehrer etwas irritiert bei ihr zu Hause anruft und fragt, ob sie nicht einen Kurs überspringen wolle. Er befürchtet, sie könne sich in seinem Unterricht langweilen. Das trifft aber nicht zu. Zwar kennt sie durch den täglichen Gedankenaustausch mit dem Römer eine Menge Vokabeln und Wendungen, aber die Erklärungen zur Grammatik will sie keinesfalls versäumen. Natürlich wurmt es Gabriele, dass ihr zu Beginn nur das Präsens zur Verfügung steht. Wie soll sie dem Römer von Dingen aus der Vergangenheit erzählen oder von Plänen für die Zukunft? Sie besorgt sich daher Verbtabellen, mit deren Hilfe sie die noch unbekannten Zeitformen konstruiert. Außerdem legt sie sich ein dickes, modernes Wörterbuch zu und installiert die CD-ROM auf ihrem PC, damit das ewige Blättern ein Ende hat.

Hin und wieder kommen ihr Bedenken, ob sie dem fernen Email-Freund mit ihren fehlerhaften Briefen nicht zuviel zumutet. Doch der Römer zerstreut jegliche Zweifel. Er schreibt, dass ihm ihr Italienisch unendlich viel Freude bereite, dass er es zudem vorzöge, ihre geradezu köstlichen Syntax-Fehler nicht zu verbessern und dass er letztendlich nicht begreife, wie es überhaupt möglich ist, dass jemand schon nach so kurzer Zeit selbst über anspruchsvolle Themen gut verständlich schreiben könne. Es ginge wohl nicht mit rechten Dingen zu, sie müsse eine Fee sein, fügt er charmant hinzu, und nennt sie von nun an Fatina. Hoch motiviert schreibt Gabriele weiterhin forsch drauflos. Und der geduldige Römer erweist sich in der Tat als idealer Italienisch-Coach. Nach und nach lässt er die englischen Erklärungen weg, und aus Gabrieles Briefen verschwinden ganz allmählich die letzten spanischen Begriffe. Etwa ein Jahr, nachdem beide einander im Netz begegnet sind, korrespondieren sie ausschließlich in seiner Muttersprache miteinander. Dabei formuliert der gewitzte Römer seine Texte immer ein bisschen über dem jeweiligen Lernniveau seiner Email-Freundin. Er tut dies klug und einfühlsam, mit viel pädagogischem Geschick, sodass Gabriele gefordert, aber niemals überfordert ist. Von Beginn an verwendet er alle Zeiten. Etwa auf den Konjunktiv zu verzichten, käme ihm nicht in den Sinn. Aber er bemüht sich um eine unkomplizierte, klare Ausdrucksweise und vermeidet lange verschachtelte Sätze. Nichts soll unnötig verwirren.

Viel Spaß bereitet es ihm, kleine Reime und Verse für seine "Schülerin" zu verfassen, wobei er deren Vorliebe für bestimmte italienische Worte berücksichtigt. Er bemerkt, dass ihr der Doppelkonsonant R gefällt, und schon flattert ihr mailwendend ein witziges Gedichtchen in die Mailbox ["Del torrente la corrente ti trascina immantinente, circondata dalle schiume..."]. Sein Einfallsreichtum, ihr seine Sprache auf vergnügliche Weise zu vermitteln, scheint grenzenlos und gipfelt in kleinen Es-war-einmal-Fortsetzungsgeschichten. Der Römer gibt fünf, sechs Sätze vor und fordert sie dann auf: "Continua tu!" ["Mach Du weiter!"]. Wie beim Ping Pong fliegen kurze Textpassagen hin und her. Und diesmal korrigiert der Römer ausnahmsweise Gabrieles Beiträge, bevor er seine anhängt und zurücksendet. So lernt sie geradezu spielerisch das Imperfekt, noch bevor es der Sizilianer erklärt, und unversehens entstehen aus italienisch-deutschem Fantasiemix moderne kleine Märchen, die illustriert ein reizendes Kinderbuch abgäben.

Jahrzehnte sind vergangen, seit der Äther Rocco Granatas unvergessenen Schlager "Marina" in die kleine Welt eines Kindes transportierte und dessen dauerhafte Zuneigung für die italienische Sprache weckte. Jahrelang hatte sich das Mädchen damit begnügt, diese weiche, melodiöse Sprache einfach nur als phonetisch wunderschön zu empfinden, ohne der Bedeutung der Worte wirklich auf den Grund zu gehen. Erst durch den Kontakt mit italienischen Sammlern, Malern und Galeristen und die ungewöhnliche Freundschaft mit einem römischen Kunden begann die erwachsene Gabriele, die Zauberformeln aus Kindheitstagen zu entschlüsseln. Die Lust am Lernen und das Verlangen, sich neuen Herausforderungen zu stellen, sind ihr nie abhanden gekommen. Mit kindlicher Freude genießt sie die kleinen Aha-Erlebnisse, die der Erwerb einer Fremdsprache mit sich bringt. Jeder von uns kennt das. Man hat sich bereits einer anderen Arbeit zugewandt, und plötzlich ist da dieses schlagartige Erkennen grammatikalischer Zusammenhänge und Strukturen, über die man sich zuvor vergeblich den Kopf zerbrochen hatte. Wenn aber der Geistesblitz mal ausbleibt, genügt es, dass Gabriele eine Email über die Alpen zu schickt, und schon naht Rettung aus Rom!


Bedanken möchte ich mich von ganzem Herzen bei Paolo für seine Freundschaft, seine Verlässlichkeit und sein Engagement. Ich danke auch Claudio, Antonio, Mariano und Riccardo, dass sie im Kontakt mit mir ein klares, einfaches Italienisch benutzen. Des weiteren möchte ich mich bei Uwe bedanken, der mir riet, diese wahre Geschichte nicht in der Ich-Form zu erzählen, da es schlichtweg unmöglich sei, ein Kind literarisch darzustellen, bzw. Erinnerungen zu literarisieren. Ferner bedanke ich mich bei Sigrid für das solide "romanische" Fundament, das ich mit ihrer Hilfe errichten konnte, sowie für ihre heitere Gelassenheit, mit der sie mich nach so vielen gemeinsamen Jahren in den Italienischkurs wechseln ließ.

Letztendlich möchte ich auch allen treuen und mir zugeneigten Besuchern meiner Website danken für die hoffentliche Nachsicht mit meinem Erzählstil. Danke.




KEINEN DRACHEN KANN MAN SO HOCH STEIGEN LASSEN WIE DEN DER FANTASIE!

Als ich damit beschäftigt war, "MARINA" ins Italienische zu übersetzen, fand ich nirgends einen adäquaten Begriff für jene bunten Bildchen, die wir Mädchen während der Grundschulzeit eifrig sammelten, tauschten und in die Poesiealben unserer Freundinnen klebten. Ich schickte zwei befreundeten Italienern Fotos solcher Bilder bzw. jener Alben und bat sie, mir das passende Wort dafür zu nennen. Beide waren nur mit Brüdern aufgewachsen, der eine in Rom, der andere in einer lombardischen Kleinstadt; Glanzbilder waren ihnen, wie sie schrieben, nie unter die Augen gekommen. Ich konnte mir jedoch nicht vorstellen, dass sich kleine, italienische Mädchen seinerzeit nicht auch mit ähnlichen Bildern und Poesiealben befasst hatten. Dies schrieb ich meinen Freunden und merkte an, dass Italiener und Deutsche doch nicht so verschieden seien und fragte scherzend: "Oder gehört ihr etwa einer anderen fernen Kultur an, seid ihr vielleicht Chinesen?" Daraufhin machte mir der Römer emailwendend ein verblüffendes "Geständnis".




Liebe Gaby,

ich frage mich, wie Du unser Geheimnis entdecken konntest. Nun bleibt uns nur es zuzugeben: Also gut, wir sind, besser gesagt, wir waren Chinesen. Riccardo stammt aus Shanghai, um genau zu sein, aus dem Mündungsgebiet des Jangtse. Seine Familie lebte auf einer Dschunke. Diese Leute waren sehr, sehr arm. Ihre Kinder konnten es sich nicht leisten, bunte Poesiealben zu kaufen, um ihre Gedichte darin niederzuschreiben und die Büchlein dann untereinander auszutauschen. Reispapier war den Reichen vorbehalten, lediglich die Söhne des Mandarins besaßen welches. So schrieben denn die Kinder aus dem Deltagebiet ihre leidenschaftlichen Verse mittels kleiner Bambusstöcke auf die Haut der Fische und vertrauten die Tiere dann wieder dem Wasser des Huangpu an. Vergängliche Lyrik, jedoch wundersam glänzender Schimmer auf farbenprächtigen Livrees, mit denen sich nun tausende dieser märchenhaften Wesen des großen Flusses schmückten.
Doch noch im Kindesalter musste Riccardo in den Westen fliehen, da seine Familie von den Roten Garden der Kulturrevolution verfolgt wurde. Aber wenn er will, kann er Dir seine Geschichte selbst erzählen.
Ich hingegen wurde einige Jahre später in Chongqing geboren, einer Stadt am Zusammenfluss von Jangtse und Jialing. Wir lebten in elenden Hütten; meine Familie hatte sich der armseligen Süßwasserfischerei verschrieben. Mir und meinen Spielgefährten jedoch erschienen die riesigen, bunten Karpfen wunderschön. Mit unseren Füßen tief im schlammigen Grund stehend, streichelten wir sie und spürten, wie sie dann unseren Händen wieder ruhig und würdevoll entglitten. Während wir die Fische tätschelten, entdeckten wir schon sehr bald die flüchtige Poesie der Menschen aus dem Deltagebiet. Eine Unmenge bezaubernder, geheimnisvoller Verse. Viele waren von einem gewissen Riccardo unterzeichnet. Ich schrieb ihm einige Male auf dieselbe Weise, doch ich erhielt nie eine Antwort. Möglicherweise war er schon geflohen. Das gleiche Schicksal ereilte später auch meine Familie.
Jetzt, da Du die Wahrheit kennst, wie kannst Du uns noch ruhigen Gewissens vorwerfen, dass wir die italienischen Begriffe für jene Bilder und Büchlein nicht kennen?

Sei umarmt,
Peter



06/02/2013

© 2004-2011 Gabriele Wittfeld