Der RÖMISCHE RITTER

Meine Hofelich-Freunde kennen diese Geschichte bereits und einige haben mich dazu ermuntert, sie ins Netz zu stellen. Ich zitiere einen lieben Stammkunden, der mir schrieb: "Das Leben ist, was die Geschichten angeht, uneinholbar - kein Schriftsteller kann sich das ausdenken." Wunderschön sei sie, die Geschichte vom RÖMISCHEN RITTER... mach sie öffentlich! Das will ich hiermit tun - mit ausdrücklicher Genehmigung des Protagonisten -, den ich deshalb RÖMISCHEN RITTER nenne, weil er sich selbst scherzend als CAVALIERE ROMANO bzw. ROMAN KNIGHT bezeichnet. Und dass er sich wahrhaft ritterlich verhält, belegt folgende wahre Geschichte:

Besagter RÖMISCHER RITTER betritt Anfang November erstmals meinen ganz persönlichen digitalen Marktplatz und versetzt meine Hofelich-Liebhaber zunächst in Angst und Schrecken.

Doch der Reihe nach:

Der allererste Kontakt mit dem RÖMISCHEN RITTER geht auf den 5.11.2004 zurück und kommt nicht einmal über ein Hofelich-Gemälde zustande.
Neben einigen Werken Wilhelm Hofelichs biete ich auch ein Tofana-Gemälde von Kohler in der Auktion an. Und wie immer bei Dolomiten-Motiven sind sofort Italiener daran interessiert. Diesmal sind es gleich drei mir völlig unbekannte Bieter. Die machen sich gegenseitig scharfe Konkurrenz, dass mir Himmelangst wird, als ich sehe, wie der Preis für dieses eindrucksvolle, aber stark krakelierte Gemälde in die Höhe schnellt. Ich befürchte - und wie sich später herausstellen soll zu Recht - dass keiner der Interessenten Deutsch versteht.

Ich nehme über eBay zu allen dreien Kontakt auf, schicke ihnen eine Zustandsbeschreibung des Bildes in Englisch und weise detailliert auf die Mängel hin. Der RÖMISCHE RITTER ist der einzige, der antwortet und sich bedankt. Und wie seine beiden Landsleute bietet er nicht mehr weiter.
Sekunden vor Auktionsende ersteigert ein vierter Italiener das Bild. Für eine Warnung ist es zu spät, aber es handelt sich bei dem Käufer um einen Trentiner, der die deutsche Beschreibung verstanden hat und das Gemälde trotzdem will.

Indes zeigt sich der RÖMISCHE RITTER zutiefst beeindruckt, dass ein Verkäufer die Initiative ergreift und einen potenziellen Kunden anmailt, um ihn auf Mängel aufmerksam zu machen. Er beginnt sich für diesen "verrückten" Verkäufer zu interessieren; wie die meisten Italiener glaubt er auf Grund meines Vornamens ich sei ein Mann. Er schaut sich meine übrigen Auktionsangebote an und stößt auf WILHELM HOFELICH.

Was nun folgt, versetzt meine Hofelich-Freunde und mich regelrecht in Panik. Als ich am darauf folgenden Morgen in meine Auktionen schaue, sind sämtliche Hofelich-Gemälde mit jeweils 30 und mehr Geboten belegt und zwar von ein und demselben Bieter, dessen Name ich noch nie gehört habe. Ich sehe mir seine Feedback-Liste an und entdecke, dass es sich um den RÖMISCHEN RITTER handelt. Über Nacht hatte er seinen eBay-Mitgliedsnamen geändert und diesen unglaublichen Gebots-Marathon durchgeführt. Aber warum? Ich finde keine plausible Erklärung. In der Gebotsliste steht ein zweiter Bieter mit fast identischem Namen, lediglich ein einziger Buchstabe variiert. Ich denke an "psychologische Kriegsführung"... und daran, dass mir der RÖMISCHE RITTER unheimlich wird.

Kurzentschlossen maile ich ihm und bitte ihn um eine Erklärung. Die kommt prompt und ist so simpel: Er habe sich in die Werke Wilhelm Hofelichs verliebt und möchte ALLE haben! Er gesteht mir, dass er sich aus meiner Bewertungsliste sämtliche noch greifbaren Hofelich-Gemälde auf seinen PC kopiert hat zwecks einer eigenen kleinen Galerie. Ferner hat er meine Homepage besucht, hat nebenbei entdeckt, dass "Gabriele" in Deutschland feminin ist und hat die ganze Nacht in Bildern von Ludwig und Wilhelm Hofelich geschwelgt. Da meine Website zu diesem Zeitpunkt noch nicht über die englische und italienische Version verfügt, konnte er die Texte nicht lesen. Was sollte das alles? Stehen die dort installierten Gemälde zum Verkauf?

Ich bin beruhigt, der RÖMISCHE RITTER entpuppt sich nicht als "Psychopath" sondern als Kunstliebhaber und leidenschaftlicher Sammler. Meine unwissenden Hofelich-Freunde aber glauben, sie haben es mit einem "Verrückten" zu tun. Sie kommen nicht gegen seine Gebote an, manche werden wütend. Ein Werk Hofelichs nach dem anderen wird dem RITTER zugeschlagen und die Leerausgegangenen geraten je nach charakterlicher Veranlagung in Rage, Verzweiflung oder verfallen in Resignation.
Die Preisentwicklung, die sich für die Hofelich-Gemälde aus dem Bietverhalten des RÖMISCHEN RITTERS ergibt, ist mehr als erfreulich. Nachdem in den vorangegangenen Wochen und Monaten etliche Bilder zu Dumpingpreisen weggingen, stabilisiert sich der Verkaufspreis. Allerdings erreichen mich nun auch Mails verunsicherter Bieter, die anfragen, was mit dem Italiener los sei, ob er im Lotto gewonnen habe, ob er denn gar keinen "Hofelich" mehr für seine Konkurrenten übrig lassen wolle?

Meine wichtigsten Stammkunden, mit denen ich in engem Mail-Kontakt stehe, kläre ich über den RÖMISCHEN RITTER auf. Und... nahezu bei allen stößt sein wildes Bietverhalten auf Verständnis; leidenschaftliches Sammeln ist keinem meiner Hofelich-Freunde fremd.

Dann passiert folgendes:

Eine Hofelich-Sammlerin, die eine Schwäche für Korsika hat, verliebt sich in ein Korsika-Motiv von Wilhelm Hofelich. Sie hat bereits ein Korsika-Meerbild ersteigert, nun möchte sie noch eines vom Landesinneren. Begeisterte Mails erreichen mich, so sehr habe sie sich in das Pozzo-di-Borgo Motiv verliebt. Sie ist überzeugt davon den Zuschlag zu erhalten, da sie, wie sie mir mitteilt, irrsinnige Summen setzt, wenn sie etwas unbedingt will. Auch andere Hofelich-Freunde interessieren sich für dieses hinreißende Bild, das Wilhelm Hofelich im Mai 1931 während seines Studienaufenthaltes auf Korsika gemalt hat, unter ihnen der RÖMISCHE RITTER. Er schreibt mir, wie sehr er Korsika liebt, wie gern er dort segelt. Es kommt zu einem erbitterten Kampf um das beliebte Motiv, aber die Korsika-Liebhaberin gibt kein einziges Gebot ab. Sie hält es wohl für aussichtslos, den RITTER zu attackieren, der dann tatsächlich wieder als Sieger aus der Schlacht hervorgeht.
Die Enttäuschung der Sammlerin ist riesengroß, sie ist zornig auf den RITTER und lässt sich nicht beruhigen. Die übrigen Sammler gehen gelassener mit ihrer erneuten Niederlage um. Bei manchen spüre ich sogar so etwas wie Bewunderung für den leidenschaftlichen RÖMER.

Zur gleichen Zeit befindet sich ein weiteres eindrucksvolles Gemälde Wilhelm Hofelichs in der Auktion. Es zeigt einen sehr stimmungsvollen Landschaftsausschnitt während des ersten Frosts. Auch an "Primo Gelo" ist der RITTER interessiert. Er setzt seine üblichen Gebote und verlässt dann Rom für ein paar Tage. Ich weiß, dass er sich an einem Ort aufhält, an dem er nicht Online sein kann. Er wird die Auktion daher in der Endphase nicht mehr zu seinen Gunsten beeinflussen können; die Höhe seines Gebotes kenne ich allerdings nicht. Dies wäre eine gute Gelegenheit für die anderen Hofelich-Sammler wieder mal zum Zuge zu kommen. Und in der Tat wird der RÖMISCHE RITTER überboten.

Es stellt sich heraus, dass der glückliche Gewinner der Auktion ein zwölfjähriger Junge ist, und zwar der kleine Sohn der Korsika-Enthusiastin! Er hatte es einfach nicht mehr ertragen, seine Mutter wegen des entgangenen Korsika-Motivs so betrübt zu sehen. Deshalb tastete er sich bei einigen Hofelich-Gemälden vorsichtig an die Gebote des RITTERS heran und erhielt dann tatsächlich den Zuschlag für das Bild "Erster Frost". Der Junge tat dies heimlich und wollte das Gemälde seiner Mutter zu Weihnachten schenken. Da er jedoch in seinem Alter keinen Banktransfer abwickeln kann, musste er sein Geheimnis preisgeben.
Die Mutter ist von der Heldentat ihres Sohnes zu Tränen gerührt. Der Kleine hatte gewagt, den mächtigen RITTER anzugreifen und den Kampf gewonnen! Sie schreibt mir, wie sehr sie sich während der 10tägigen Auktion in das Frostbild verliebt habe, aber völlig entmutigt hätte sie trotzdem nicht geboten. Sie ist überglücklich, dass ihr Sohn es tat.

Als der RITTER nachts nach Rom zurückkehrt, muss er feststellen, dass er erstmals besiegt wurde, nimmt es aber gelassen. Ich erzähle ihm die anrührende Geschichte des kleinen Jungen. Nun, das hätte ich vielleicht doch nicht tun sollen. Denn die Erkenntnis, gegen einen 12jährigen gekämpft zu haben, stürzt den RÖMISCHEN RITTER geradezu in Verzweiflung. Ein so ungleicher Kampf lässt sich einfach nicht mit seinem strengen Ehrenkodex vereinbaren. Er mailt mir, dass wir eine Lösung finden müssten, der Junge solle belohnt werden für seine mutige Tat. Er schlägt vor, die Hofelich-Gemälde "Pozzo di Borgo/Korsika" und "Erster Frost/Bayern" zu tauschen. Er möchte, dass ich ihm das Frostbild schicke und dem Jungen stattdessen sein mehr als doppelt so teures Korsika-Gemälde. Der Kleine solle es aber erst am Heiligen Abend seiner Mutter unter den Weihnachtsbaum legen. Der RITTER ist geradezu fasziniert von seiner Idee und gleich darauf am Boden zerstört, als ich ihm maile, dass wir so nicht verfahren können.

Denn zwischenzeitlich erreicht mich eine begeisterte Mail der Mutter des kleinen Helden. Sie berichtet völlig überwältigt von einem Spaziergang, bei dem sie die ganze Zeit das Gefühl hatte, als liefe sie in Hofelichs Frostbild herum. Alles sei exakt so gewesen wie auf dem Gemälde, die Landschaft, die mit Reif überzogenen Büsche, das Licht, die Atmosphäre, die spürbare, sichtbare Kälte. Sie ist total im Glück, jammert dem Korsika-Bild nicht mehr hinterher.

Ich schreibe dem RÖMER, dass wir die Bilder unmöglich austauschen können, aber er lässt sich nicht beruhigen. In dieser Nacht schickt er mir ein Dutzend Mails, klagt, wie schlecht er sich fühle, gegen ein Kind gekämpft zu haben. Ob ich ihn denn nicht "erlösen" könne? Erst mein Vorschlag, der Mutter ein anderes Korsika-Motiv zu überlassen, an dem auch er Interesse angemeldet hatte, bringt die Wende. Ja, das sei eine großartige Idee, er verzichte auf alles! Der Betreff der letzten Mail, die er mir in dieser lange Nacht über die Alpen schickt, lautet: I'm free again!!!

Der mächtige RÖMISCHE RITTER, der uns alle so verunsicherte, verwirrte, der manchen ins Gefühlschaos stürzte und nicht wenige das Fürchten lehrte, hat sich als wahrhaft ritterlich erwiesen. Er war bereit, sein geliebtes Korsika-Gemälde herzugeben!

Mittlerweile hält der Ritter die größte Hofelich-Sammlung südlich der Alpen, und es ist nicht ausgeschlossen - wie er mir schrieb -, dass er eines Tages eine Hofelich-Ausstellung in Rom organisieren wird. Mal sehen, warten wir's ab!

Einer meiner liebsten deutschen Hofelich-Freunde schickte mir folgendes Goethe-Zitat:
"Findet man auch keinen liebenswürdigeren Menschen als den Walschen, so gilt doch eben so sehr, dass seinem Charakter eine gewisse Unzuverläßigkeit beikömmt!"
Lassen wir uns überraschen, ob unser großer Dichterfürst Recht behält oder im Falle des RÖMISCHEN RITTERS irrt!


Ich danke Christopher und Uwe für die Ermunterung, die Geschichte aufzuschreiben und Paolo für die Erlaubnis, sie zu veröffentlichen.



02.06.2013

© 2004-2011 Gabriele Wittfeld