WIEDERSEHEN IN ROM

(Besuch der Wilhelm-Hofelich-Sammlung des Römischen Ritters)

Paolo, der Römische Ritter, hatte es prophezeit:
"Tornerai qui, almeno una volta all'anno."
(Du wirst hierher zurückkehren, wenigstens einmal im Jahr.)

Arena House

Diesmal beschlossen wir, zwei Wochen in Rom zu bleiben. Ich buchte die Flüge bereits ein halbes Jahr im Voraus, und Paolo erledigte die Reservierung in unserem Wunsch-Hotel im Herzen der Stadt auf dem Celio-Hügel, einen Katzensprung vom Kolosseum entfernt. Die Freundin unseres Sohnes hatte uns das Arena-House in der wenig befahrenen Via Marco Aurelio empfohlen. Und dieses kleine, familiär geführte Hotel mit nur 12 Zimmern erwies sich denn auch als wahrer Glücksgriff.

Von unserem Fenster schauen wir in den schönen Nachbargarten, er umgibt eine prächtige alte Villa, in der die Carabinieri des Celio stationiert sind. Auf der anderen Seite des Hotels befindet sich ebenfalls ein Polizeigebäude. Die installierten Überwachungskameras suggerieren Sicherheit, und Vincenzo, der Padrone, sagt uns, dass wir die Fenster ruhig offenlassen können, wenn wir unterwegs sind, hier sei alles so sicher wie die Goldreserven in Fort Knox.

Ein pensionierter Carabiniere pflegt den Garten. Jeden Morgen schneidet er einige Rosen ab und reicht sie mittels einer hohlen Stange, in die er die sorgfältig von Dornen befreiten Blumenstängel steckt, den Frauen durch die Fenster. Auch ich bekomme welche. In der Tat, wir sind in Italien angekommen, im Land der Kavaliere :-).

Paolo ist zum Zeitpunkt unserer Ankunft noch in Frankreich; wir müssen uns daher gedulden, seine HOFELICH-Sammlung zu sehen. Einstweilen gehen wir in die Kapitolinischen Museen, ins Nationalmuseum für Moderne Kunst, in die Modigliani-Ausstellung im Complesso del Vittoriano und stehen Schlange für die Ausstellung des Jahres; denn zusammengetragen aus aller Welt wird gerade in Rom nahezu das Gesamtwerk von Antonello da Messina gezeigt.

Wir besuchen unseren Freund Massimo, einen Neapolitaner, der seit vielen Jahren in Rom lebt. Er fährt mit uns ans Meer nach Ostia, Torvaianica und Pomezia, und führt uns im römischen Stadtteil E.U.R in sein neapolitanisches Stammlokal zum Abendessen aus. Dort herrscht Trubel und ein Höllenlärm, vermutlich sind die Gäste mehrheitlich Neapolitaner, die hier Freunde treffen und ihre einheimische Küche genießen. Massimo bestätigt mir dies. Der gestresste Wirt und sein Team behalten aber den Überblick, das Essen wird flott serviert und ist fantastisch! Als wir das Restaurant verlassen, stehen die Leute immer noch bis auf den Gehsteig hinaus und warten auf Einlass.

Via Appia Antica

Am Sonntag holen wir den nächtlichen Spaziergang vom vergangenen Jahr auf der Via Appia Antica bei Tag nach. Schon am frühen Morgen ist es sehr warm, und ich bin froh, nur ein leichtes Sommerkleid anzuhaben. Allerdings bereue ich dies schon kurze Zeit später, als wir uns spontan dazu entschließen, die Kallixtus-Katakomben (Catacombe di San Callisto) zu besichtigen. Mir ist klar, dass es dort kühl sein wird. Als ich aber sehe, dass sich andere Touristen wie für eine alpine Wanderung rüsten, wird mir etwas bange. Je tiefer ich in das komplizierte System aus Tuffsteingängen hinabsteige, desto kälter wird mir, und ich hoffe, dass die Führung nicht länger dauert als die angekündigten 45 Minuten. Wieder am Tageslicht erwärme ich mich aber schnell, und als wir das imposante Grabmal der Caecilia Metella erreichen, ist der Kälteschock vergessen. Die alte Konsularstraße ist wie jeden Sonntag für den allgemeinen Verkehr gesperrt und wir können ungestört mitten auf den großen römischen Pflastersteinen entlang spazieren, Radfahrer und vereinzelte Reiter bevorzugen die sandigen Seitenstreifen.

Die römischen Hofelich-Sammlung

Am Tag darauf ist Paolo aus Cherbourg zurück. Wir feiern das Wiedersehen mit ihm und seiner Frau Anna bei einem gemeinsamen Abendessen, und zum Nachtisch werden dann schon mal die aus Deutschland mitgebrachten Plätzchensorten verkostet, die Paolo genüsslich in seinen Dessertwein tunkt. Auf selbstgebackene Kekse legt Paolo großen Wert, so schrieb er mir in die öffentliche Feedbackliste für meine Internet-Auktionen: "Non dimenticare i biscotti! Sono i migliori del web!" (Vergiss die Kekse nicht, es sind die besten im Netz!). In jedes Bilderpaket, das ich nach Rom schicke, müssen auch unbedingt Plätzchen mit hinein, und zu Weihnachten gibt es die komplette deutsche Produktpalette von Anis- bis Zedernbrot. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass mein Mann zukünftige Konditoren und Bäcker unterrichtet, und für einen Italiener, dessen Frühstück lediglich aus einem Cappuccino und einem Hörnchen besteht, sind die leckeren Kreationen meines Mannes einfach unwiderstehlich. Leider sind Plätzchen aber nur allzu vergänglich, deshalb bekommt Paolo auch noch etwas Bleibendes für seine Sammlung. Ich habe zwei alpine Motive von Ludwig und Wilhelm Hofelich für ihn ausgesucht, letzteres sogar mit Datum und Signatur, was bei Wilhelm eher Seltenheitswert hat.

Am nächsten Tag ist es endlich soweit. Während der Mittagspause holt uns Paolo ab und wir fahren zu seinem neuen Bürohaus im Süden Roms. Ich bin etwas aufgeregt, nach so langer Zeit die Gemälde Wilhelm Hofelichs wieder zu sehen. Im unrestaurierten Originalzustand hatte ich sie weggegeben, nun bin ich gespannt, welche Wirkung sie gereinigt und gerahmt entfalten. Auch auf das Firmengebäude, das Paolo nach eigenen Plänen verwirklicht hat und von dem er mir Fotos aus der letzten Bauphase schickte, bin ich neugierig.

Dann sind wir da, der Bauschutt ist fortgeräumt, Hof und Wege sind gepflastert, der Garten ist bereits angelegt. In frischem Maigrün leuchtet der junge Rasen. Wie wird er die Sonnenglut eines römischen Augusts überstehen, frage ich mich. Aber Paolo und sein Sohn Alessio haben vorgesorgt, sie suchten und fanden Wasser auf dem Grundstück und bauten einen Brunnen.

Am Eingangsportal fällt mein Blick auf das ästhetische Firmenlogo, das ich von Paolos Website kenne. Hier ist es aus verschiedenfarbigem Marmor gestaltet, ein Kunstwerk von Gino Filippeschi, einem Maler und Skulpturisten aus Montepulciano, einem Freund Paolos. Dargestellt ist mit Blick von unten die Favazzina, eine Brücke auf der A 3 zwischen Salerno und Reggio di Calabria, entworfen von Riccardo Morandi, einem bedeutenden italienischen Ingenieur und Architekten und ausgeführt von Paolos Firma. Es gefällt mir, dass der Römische Ritter gerade eine Brücke als Firmenlogo wählte, eine erstaunliche Ingenieurleistung: Kunst und Symbol in einem.

Das Wiedersehen mit den Hofelich-Gemälden habe ich lange herbeigesehnt. Paolo führt uns ins Haus, und schon in den Gängen erblicke ich die ersten Hofelich-Bilder. Sie sind entspiegelt verglast, einheitlich in hellem Kastanienholz modern gerahmt und perfekt ausgeleuchtet. Paolo hat sie nach Themen geordnet: es gibt Räume mit Winterstimmungen und Hofelichs einzigartigen Raureif-Motiven, mit hochalpinen Landschaften und Bildern vom Starnberger See, mit den typischen Herbstbaum-Bildern aus den Wäldern um Stuttgart, mit Streuobstwiesen im Frühling, mit Bäumen im Blütenrausch und mit Bildern von Reisen, vor allem von Korsika, aber auch von der Nordsee.

Ich sehe erstmals die Werke Wilhelm Hofelichs, die Paolo von einem Münchner Kunsthändler kaufte und freue mich jene wieder zu entdecken, die ich an einen niederländischen Galeristen verkauft hatte, bevor ich Paolo kannte. Der Römische Ritter hat sieben Werke zurückkaufen können.

Die Monumentalwerke hängen im Konferenzraum, herrliche hochalpine Landschaften. Das riesige Dolomiten-Bild, zweifach geknickt von einem Kunstbanausen, der es wohl platzsparend verstauen wollte, hatte ich Paolo zu einem symbolischen Preis von 1,00 Euro überlassen. Er ließ es nicht restaurieren, und ich bin erstaunt, dass mich die beiden sichtbaren Brüche überhaupt nicht stören. Das malträtierte, gequälte Gemälde strahlt große Würde aus, die Narben nehmen ihm nichts von seiner Vollkommenheit.

Der Rundgang durch diese einzigartige private Hofelich-Sammlung endet im Chefzimmer. Ich weiß, hier hängt Wilhelms kraftvolles Meisterwerk, der große Gletscher, mein Lieblingsbild und wohl auch Paolos Favorit. Es ist das zentrale Gemälde im Raum, es dominiert ihn, und vom Schreibtisch aus hat Paolo es im Blickfeld. Während ich das Bild betrachte, kommt keine Wehmut oder gar Reue auf, es weggegeben zu haben, im Gegenteil. Ich freue mich aufrichtig, dass es hier hängt, bei einem Freund, der es liebt und schätzt und der mir damals schrieb: "Ti prego, dimmi che lo potrò avere, lo appenderò nel mio nuovo ufficio e non lo rivenderò mai, tu lo potrai vedere in ogni momento." (Bitte sag, dass ich es haben kann, ich werde es in mein neues Büro hängen und niemals weiterverkaufen, du kannst es jederzeit besuchen.) Mir kommt in den Kopf, dass auch ein Händler aus Turin an diesem Gemälde interessiert war. Er wollte es im Rahmen einer Verkaufsausstellung alpiner Landschaften während der Olympischen Winterspiele in seinem Antiquariat anbieten. Während ich noch meinen Gedanken nachhänge, höre ich Paolo fragen: "Lo vorrai di ritorno?" (Willst du es zurück?), sein Gesicht ist ernst, als fragte er nicht im Scherz. Mit einem Mal wieder hellwach antworte ich ihm schnell, dass ich mir für das Gemälde keinen schöneren Ort als diesen vorstellen kann. Überhaupt bin ich glücklich darüber, eine so große Anzahl von Wilhelm Hofelichs Werken hier vereint und ansprechend präsentiert zu sehen. Ich bin überzeugt, ich sehe gerade die umfangreichste Sammlung von Wilhelm-Hofelich-Gemälden in ganz Italien.

Im Gegensatz zu seinem Vater Ludwig hat es Wilhelm nicht geschafft, mit seinen Werken in Museen vertreten zu sein, aber hier, in dieser privaten Sammlung in Rom, hat ein Großteil seines künstlerischen Nachlasses ein wirkliches Zuhause gefunden.

Im Staatsarchiv

"Avete voglia di vedere un'altra mostra?" (Habt ihr Lust, noch eine andere Ausstellung zu besuchen), fragt uns Paolo nach dem gemeinsamen Mittagessen. Ich freue mich, dass er nicht sofort wieder ins Büro zurück muss, wenngleich ich fürchte, dass ihm die versäumte Zeit einen langen Arbeitstag bescheren wird. Glücklicherweise kann aber ein Römischer Ritter der Neuzeit auch vieles per Mobiltelefon regeln und muss nicht permanent am Schreibtisch sitzen.

Als Paolo vor dem zentralen Staatsarchiv in E.U.R. parkt, sehe ich das überdimensionale Porträt De Gasperis an dem Gebäude hängen. Es ist eine Ausstellung über den früheren italienischen Ministerpräsidenten unter dem Titel: Alcide De Gasperi - Un Europeo venuto dal Futuro. Die Ausstellung ist geschlossen, vermutlich bedarf es einer Voranmeldung. Doch Paolo telefoniert und man schließt uns auf. Der Wärter bedauert, dass derjenige, der die Technik bedient, nicht im Hause sei und er selbst sich damit nicht auskenne. Doch auch wenn wir auf Filmausschnitte und Originaltonaufnahmen verzichten müssen, ist die Ausstellung dennoch eindrucksvoll. Es gibt Unmengen von fotografischem Material und Dokumenten, und Paolo erläutert uns anschaulich die wichtigsten Stationen aus dem politischen Leben seines Großvaters. Im Anschluss besuchen wir in einem anderen Gebäudekomplex des Staatsarchivs noch kurz die Foto-Ausstellung "Città Metafisiche", die die italienische Architektur in Übersee zum Thema hat.

Danach verabreden wir uns für den übernächsten Tag, den 2. Juni, denn am Jahrestag der Gründung der italienischen Republik (Festa della Repubblica), in diesem Jahr der 60., sind alle Geschäfte geschlossen, auch Paolos Firma. Er hat den ganzen Tag Zeit und schlägt vor, uns morgens vom Hotel abzuholen und einen Ausflug aufs Land zu machen, nach Tivoli oder in die Albaner Berge.

Tivoli und Castel Gandolfo

Seit Tagen ist die mehrspurige Via dei Fori Imperali zwischen der Piazza Venezia und dem Kolosseum für den Verkehr gesperrt. In Vorbereitung auf die große Militärparade am Nationalfeiertag werden Tribünen und Baldachine aufgebaut, und am Morgen des Festtages sind auch die Nebenstraßen abgeriegelt. Paolo kommt nicht durch und bittet uns, bis zur Metrostation Castro Pretorio zu fahren. Wir gehen zum Metrostop Colosseo und müssen feststellen, dass die Gitter heruntergelassen sind und die Station gesperrt ist. Bevor wir zur nächsten Haltestelle laufen, frage ich vorsichtshalber einen Soldaten, ob die Station Cavour in Betrieb ist. Nein, auch die sei geschlossen, die erste mögliche Haltestelle sei die Stazione Termini. Ich informiere Paolo, dass wir uns zu Fuß auf den Weg zum Hauptbahnhof machen. "Rimani in via Cavour, vi verrò incontro!" (Bleibt auf der Via Cavour, ich komme euch entgegen!), ist seine Anweisung. Einige Minuten später erblicken wir seinen Wagen, es kann losgehen!

Bis Tivoli sind es nur etwa 30 km. Aufgrund des Feiertages ist der Eintritt zur Hadriansvilla (Villa Adriana) sogar frei. Direkt beim Eingang gibt es in einem Pavillon eine Rekonstruktion der kleinen Stadt im griechisch-ägyptischen Stil, die Kaiser Hadrian im 2. Jahrhundert anlegen ließ. Nachdem wir uns anhand dieses Modells einen Überblick über die einstige Palastanlage verschafft haben, beginnen wir, ausgestattet mit einem Audiophon in deutscher Sprache, unseren Rundgang auf dem etwa 40 Hektar großen Gelände.

Besonders beeindruckt mich der Canopus, der Nachbau eines Kanals in Ägypten. Die Statuen sind keine Originale, aber sie lassen erahnen, wie prächtig diese Anlage einst gewesen ist. Auch das Seetheater (Teatro Marittimo) begeistert mich und die schwarz-weißen Mosaikböden in der Kaserne der Wachen. "Hai visto San Pietro?" (Hast du St. Peter gesehen?), fragt Paolo und deutet nach Westen, wo die Kuppel des Domes gut am Horizont auszumachen ist. Während unseres Spazierganges in dem weitläufigen Park hat Paolo ein großes Bund wilde Rauke (Rucola) gepflückt, immer wieder nascht er ein Blatt. Er zieht die kleinen scharfen Blätter dem milderen kultivierten Rucola vor.

Am frühen Nachmittag verlassen wir Tivoli und fahren in die Albaner Berge. Während der Fahrt kommt es zu wolkenbruchartigen Regenfällen und wir erleben einen Temperatursturz von angenehmen 25°C auf kühle 10°C. Als wir in Castel Gandolfo ankommen, schüttet es immer noch wie aus Kübeln. Wir verzichten auf einen Rundgang und flüchten uns vom Auto direkt in ein Restaurant hoch über dem Albaner See. Der Blick auf den Kratersee und die Berge ist trotz schlechten Wetters atemberaubend schön.

Ich habe noch eine Überraschung für Paolo. Zu groß ist der rechteckige in Geschenkpapier verpackte Gegenstand, als dass ich ihn vor ihm hätte verbergen können. Er darf ihn auspacken noch bevor das Essen serviert wird, und seine Augen strahlen wie die eines Kindes unterm Weihnachtsbaum. Selbstverständlich ist es ein Hofelich-Gemälde, ein frühes Werk Wilhelms, eine sommerliche Bachlandschaft mit hellem, heiterem Horizont. Paolo ist begeistert und erstaunt, dass ich noch ein drittes Bild mit nach Rom gebracht habe. "Ancora uno? Ma dove l'hai trovato?" (Noch eines, aber wo hast du denn das gefunden?) "Nella mia valigia."(In meinem Koffer.), gebe ich ihm keck zur Antwort. "Per puro caso, vero?" (Rein zufällig, nicht wahr?), er lacht und freut sich und ahnt nicht, dass ich noch ein viertes habe, doch alles der Reihe nach.

In diesem wunderschönen Restaurant "La Panzanella da Bruno" am Lago Albano habe ich ein Aha-Erlebnis. Der Römische Ritter, mit dem ich auch schon Kochrezepte ausgetauscht habe, hatte mir geschrieben, dass er sehr gern frische rohe Bohnen (fave fresche) mag, und zwar mit Pecorino romano. Ich bin kein Freund von Pecorino, und rohe Bohnen habe ich noch nie probiert. Leider, so mailte mir Paolo, gäbe es diese nur während der kurzen Erntezeit frisch zu kaufen. Mit etwas Glück könnten wir aber noch welche bekommen, wenn wir im Mai/Juni nach Rom kämen, und dann müssten wir uns unbedingt davon überzeugen, wie perfekt das süße Fruchtfleisch der rohen Bohnen und der pikante Pecorino einander ergänzen.

Paolo fragt nach ungekochten Bohnen, und in der Tat, es gibt sie noch. Ich bin skeptisch, nicht wegen der Bohnen, die werde ich in jedem Fall probieren, nein, wegen des Pecorinos, den ich verabscheue. Dann kommt die "Spezialität", hellgrüne frische Bohnen und walnussgroße Käsebrocken, hübsch angerichtet auf einem Bett von Wildkräutern. Der Pecorino hat eine Farbe wie Pergament und sieht völlig anders aus als jener, den ich nicht mag. Von den rohen Bohnen muss man noch die Haut abziehen und sie dann zusammen mit einem Stückchen Käse essen. Ich bin begeistert, sowohl von den Bohnen, als auch vom Pecorino. "Che pecorino avete lì in Germania, che l'hai disprezzato finora?" (Was habt ihr nur für einen Pecorino in Deutschland, dass du ihn bisher verschmäht hast?), meint Paolo triumphierend. Doch ich habe mit Sicherheit italienischen Pecorino gekauft, vermutlich nur zu wenig abgelagerten, denn der, der mir nicht schmeckt, ist fast weiß.

Ara Pacis Augustae und Abschied vom Brückenbauer

Den Abend vor unserem Rückflug verbringen wir mit Anna und Paolo wie im vergangenen Jahr im toskanischen Restaurant "da Mario" nahe der Piazza Spagna. Paolo kommt in "Uniform", wie er sein korrektes Geschäfts-Outfit nennt, etwas verspätet direkt vom Büro. Anna hat bereits die Vorspeisen geordert, und ich hatte diesmal Gelegenheit, mein Abschiedsgeschenk für den Römischen Ritter unbemerkt unter dem Tisch zu deponieren. Nach dem zweiten Gang jedoch halte ich es nicht mehr aus, zu gespannt bin ich auf sein überraschtes Gesicht. Ich fördere das verhüllte Bild zutage und übergebe es einem völlig perplexen Paolo. Immer wenn der Römische Ritter Geschenke auspackt, wird er zum Kind, er zeigt unbändige Freude und gibt damit mehr zurück, als er bekommt. Das Bild, eine Ansicht der korsischen Südwest-Küste, gefällt ihm sehr. Er ist fasziniert vom Blickwinkel des Malers, vom Türkisblau des Meeres, vom Weiß der Felsen und von den beiden blühenden Agaven, die sich über das Steilufer neigen. Bei der Wahl des Motivs war ich mir ganz sicher gewesen, weiß ich doch, wie sehr Paolo gerade diese Insel liebt, nur wegen der Größe hatte ich Bedenken. Denn Paolo hatte mal angefragt, ob ich ein kleinformatiges Seestück von Wilhelm Hofelich für sein Segelschiff hätte. Das Korsika-Bild ist von mittlerer Größe, trotzdem wird es zukünftig seinen Besitzer aufs Meer begleiten.

Auch Paolo hat Überraschungen mitgebracht. Mein Mann bekommt in Erinnerung an eine nette kleine Episode eine edle Krawatte. Bei unserer allerersten Begegnung im Mai 2005 hatte mein Mann seine Krawatte anstatt sie umzubinden, in die Jackentasche gesteckt, da er nicht wusste, ob Paolo eine tragen würde. Paolo kam auch damals direkt aus der Firma und befreite sich mit flinkem Griff von seiner Krawatte, als er sah, dass mein Mann keine trug. Der holte seine kurz hervor zum Zeichen, dass er aber für alle Fälle gewappnet sei. "No, ti prego, lasciala da parte, sono contento quando posso toglierla." (Nein, lassen wir sie bitte weg, ich bin froh, wenn ich sie ablegen kann.), entgegnete der Römische Ritter damals fröhlich. Ich bekomme einen prächtigen Bildband über Rom, "Roma, Capitale dell'Arte", natürlich in italienisch. Die tollen Hochglanzfotos motivieren zur Wiederkehr in die Ewige Stadt und die nicht ganz einfachen Texte zum weiteren Besuch von Italienischkursen bei Giovanni, meinem unerbittlich strengen sizilianisch-toskanischen Lehrer.

Nach dem Essen müssen wir uns von Anna verabschieden, die mit ihrem wendigen Smart, dem idealen Gefährt für die engen, verwinkelten Altstadtgassen Roms, ganz in der Nähe des Restaurants einen Parkplatz gefunden hat. Paolos Wagen steht auf der anderen Tiberseite. Kurz vor der Brücke führt unser nächtlicher Spaziergang auf dem schmalen Streifen zwischen der Via di Ripetta und dem Lungotevere in Augusta am neuen Museum für den "Friedensaltar des Augustus" vorbei. Fasziniert bleibe ich stehen; denn das Innere des Gebäudes ist hell erleuchtet und die verglaste Front gibt den Blick frei auf die Ara Pacis mit ihren wundervollen, nahezu perfekt erhaltenen Reliefdarstellungen. Das Museum, ausgeführt nach Plänen des amerikanischen Architekten Richard Meier und erst im Frühjahr 2006 eingeweiht, sorgt immer noch für Zündstoff in den kontrovers geführten Diskussionen. Das geht soweit, dass einige Kritiker sogar den Abriss des Gebäudes fordern. Auch Paolo ist gegen den Komplex, und er erläutert uns warum. Das vorherige Gebäude, das die Ara Pacis umgab, sei rundherum verglast gewesen, so dass man bei Tag und Nacht von allen Seiten einen Blick auf den Altar habe werfen können. Meiers Monumentalbau hingegen sei an zwei Seiten geschlossen. Ihn mute das ganze an wie ein Bahnhof, außerdem sei der Neubau viel zu groß, sodass der Altar nun kleiner wirke. Wir sollen ihn bitte nicht missverstehen, er sei nicht gekränkt, dass der Auftrag an einen ausländischen Architekten ging, er sei einfach nur enttäuscht von dem Bauwerk.

...non è per nazionalismo che sono deluso dall'opera di Meier. Ti mando qualche fotografia per spiegarmi meglio. Il museo precedente riproduceva idealmente, con grandi vetrate, l'edifico dove in antichità era l'Ara Pacis Augustea. Era piccolo e l'altare si poteva vedere, di giorno e di notte, da tutte le parti. Intorno c'era un passaggio per poter girare a piedi e quasi sembrava di poter toccare con la mano l'Ara. Meier, invece, ha costruito un grandissimo palazzo, con due parti chiuse. Sembra una stazione dei treni...

Als wir am Justizpalast ankommen, wo Paolos Wagen steht, spüre ich, dass er den Abschied noch ein bisschen hinauszögern möchte. "Vogliamo fare un giretto in macchina? Dopo la pioggia l'aria è pulita, allora abbiamo certamente un panorama fantastico dal Gianicolo." (Wollen wir eine kleine Spazierfahrt machen? Nach dem Regen ist die Luft so klar, da haben wir sicherlich einen fantastischen Blick vom Gianicolo.), schlägt er vor. Also fahren wir wie im vergangenen Jahr, damals allerdings am Tag unserer Ankunft, auf den Hügel am rechten Tiberufer. Der Gianicolo erscheint mir wie eine Terrasse, und die nächtliche Aussicht auf das glitzernde Rom zu unseren Füßen ist fast unwirklich schön. Danach fährt uns Paolo auf Umwegen durchs historische Zentrum seiner Stadt zum Arena House und begleitet uns hinein.

Der Abschied fällt nicht leicht, denn die gemeinsam verbrachten Tage waren unbeschwert und heiter, erlebnisreich und voller Überraschungen. Paolo hat uns viel seiner knappen Zeit gewidmet, uns verwöhnt und beschenkt. "Prometto che devo trovare il tempo per venire a trovarvi in Germania." (Ich werde die Zeit finden, euch in Deutschland zu besuchen), verspricht er. Und wir sind davon überzeugt, dass er wird das schaffen wird. Ein Mann, der Tunnel durch Gebirge gräbt, Brücken über Flüsse und Täler spannt, der gleichsam ein Spezialist ist für das Zusammenführen von Menschen, der kriegt das sicher hin, und wenn es nur für ein verlängertes Wochenende sein sollte. Ich schlage ihm die Adventzeit vor, wenn in Ludwigsburg ein zauberhafter barocker Weihnachtsmarkt stattfindet, einzigartig in ganz Deutschland. Außerdem sei dann auch Plätzchen-Saison, füge ich hinzu. Das bringt den Ritter zum Lachen, verscheucht aufkommende Wehmut und mildert auch den eigenen Abschiedsschmerz.

Monte Celio

Am Abreisetag deponieren wir unser Gepäck an der Rezeption und machen einen letzten Rundgang auf dem Celio-Hügel. Unser Weg führt durch Rosengärten und Parkanlagen. Mütter fahren ihre Babys spazieren, und auf einem Spielplatz unter hohen, Schatten spendenden Bäumen tummeln sich kleine Römer und Römerinnen mitten in ihrer 3-Millionen-Metropole, die hier so friedlich, still und grün ist. Ich beobachte einen liebevollen jungen Vater, der seinem Sprössling beim Trinken aus einem Brunnen behilflich ist. Danach probiere ich es selbst, und es gelingt mir tatsächlich, den Wasserstrahl so umzuleiten, dass er in meinen Mund spritzt und mich nicht von oben bis unten durchnässt. Mein Mann macht ein Foto von dieser Premiere. Ich werde es später nach Rom schicken und einen lustigen Kommentar dazu ernten.

Bella la fotografia, bello il gesto e il portamento, perfetto lo stile e la tecnica, da vera "romana". Le fontane di Roma sono felici di essere state provate da te e ti nominano "Bella Bevitrice Romana onoraria".

Gegen Mittag holen wir unser Gepäck ab, fahren mit der Metro bis zur Station Piramide, dann eine Station mit dem Bus bis Ostiense und von dort mit dem Zug zum Flughafen Fiumicino. Alles klappt wie am Schnürchen. Mein Mann hatte sich diese Route ausgedacht, um mit den Koffern die endlos langen Wege innerhalb der Stazione Termini zu vermeiden. Denn die Koffer wiegen schwerer als auf der Hinreise, da die Keksdosen durch Flaschen ersetzt wurden. Paolo hat uns ein Sortiment seiner besten Weine mit auf die Heimreise gegeben, mit schönen, individuell gestalteten Etiketten des toskanischen Künstlers Gino Filippeschi.

Als wir in der Schlange zum Check-in-Schalter stehen, klingelt mein Mobiltelefon. Paolo wünscht uns einen guten Flug und erneuert sein Versprechen uns zu besuchen. "Intanto ci scriviamo." (Inzwischen schreiben wir uns.), sagt er. "Ogni giorno!" (Jeden Tag!), antworte ich ihm und finde bei meiner Ankunft in der Tat einen lieben Brief aus Rom in meiner Mailbox.

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Bedanken möchte ich mich von ganzem Herzen bei Paolo, Anna und Massimo für die einzigartige Gastfreundschaft, bei Paolo im Besonderen für seine Wertschätzung der Kunst Wilhelm Hofelichs, bei Vincenzo und Barbara für den freundlichen Service; und ein ganz lieber Dank geht an meinen Mann für seine Begleitung und auch dafür, dass er mir oft den schweren Rucksack abgenommen hat :-).



06/02/2013

© 2004-2011 Gabriele Wittfeld