DER VIERTE PROTAGONIST

Von Zeit zu Zeit erreichen mich Anfragen von Besuchern meiner Website, ob ich denn nicht mal wieder etwas vom "Römischen Ritter" berichten wolle. Ohne dass ich es anfänglich beabsichtigt hatte, hielt der nette Sammler aus Rom nach und nach Einzug auf meiner Seite, etablierte sich schnell als 4. Protagonist neben den drei Malern und erfreut sich bei den Lesern ganz offensichtlich großer Beliebtheit.

Den Ritter und mich verbindet eine etwas ungewöhnliche Freundschaft; denn aufgrund der großen räumlichen Distanz können wir sie fast ausschließlich nur per Email pflegen. Beide sind wir passionierte Schreiberlinge und erleben rund um Malerei, Sammelleidenschaft und Auktionen die unglaublichsten Geschichten. Es gäbe in der Tat vieles zu berichten.

Kürzlich ereignete sich etwas, das ich gerne erzählen möchte:

Der Ritter leitete mir die Email eines österreichischen Kunsthändlers weiter, der wiederum die Email eines deutschen Kaufinteressenten angehängt war. Da der Ritter kein Deutsch versteht, bat er mich, ihm die beiden Briefe zu übersetzen.

Folgendes war passiert: Ein Deutscher hatte die Schlussphase einer Auktion um eine eindrucksvolle Holzskulptur versäumt, deren Zuschlag der Ritter erhalten hatte. Der leerausgegangene Mitbewerber war jedoch dermaßen beseelt von dieser Figur, dass er sie noch nicht verloren geben wollte.

Wohl wegen der zahlreichen Online-Aktivitäten des Ritters mutmaßte der Deutsche, dass es sich bei dem Höchstbieter möglicherweise um einen Wiederverkäufer handelt. Dies ließ ihn Hoffnung schöpfen, die Figur vielleicht doch noch erwerben zu können. Unter kurzer Angabe seiner Gründe bat er daher den österreichischen Verkäufer um eine Kontaktvermittlung zwischen ihm und dem vermeintlichen italienischen Händler. Der Österreicher kam dem Wunsch nach und leitete den Brief nach Rom weiter, wo ihn der etwas ratlose Ritter bei Yahoo Babel Fish eingab, aber aus all dem maschinellen Übersetzungskauderwelsch nicht so recht klug wurde.

Jetzt war ich gefordert. Nachdem ich dem Ritter erklärt hatte, worum es ging, verfasste ich auf seinen Wunsch hin eine Email, in der ich den deutschen Interessenten bat, doch etwas näher zu erläutern, weshalb er der nach Italien verkauften Figur so sehr nachtrauert. Der Ritter verschickte die Email von seinem Account, und wir warteten beide gespannt auf eine Antwort.

Die ließ nicht lange auf sich warten. Bei dem Deutschen handelte es sich um einen Architekten, der in Westfalen ein Architekturbüro mit dem Schwerpunkt "Ökologisches Bauen" leitet. Für den Besprechungsraum seines neu projektierten Büros hatte er sich überlegt, eine Wand mit verschiedenen alpinen Ausstattungsgegenständen zu gestalten, um darüber bei seinen Auftraggebern einen Einstieg in das Thema zu finden, das ihm so sehr am Herzen liegt. Denn trotz des herrschenden Klimawandels, schrieb er, sei es bei manchen Bauherren immer noch sehr schwierig, eine gewisse Sensibilität für die ökologische Bauweise zu entwickeln. Für die geplante Schauwand hatte er bereits ein Paar alte Steigeisen und antike Skier aus Holz ersteigert, eine Gletscherkarte von 1905, Fotos dieser Gletscher von 1950 und heute, sowie einiges andere mehr. Er stellte sich vor, dass die Bauherren über diesen anschaulichen Informationsträger in ihm einen leidenschaftlichen Skifahrer erkennen würden. Dies wäre dann für ihn der Ansatz, dem Bauherren zu erklären, dass er damit richtig liegt, aber dass es ihm um mehr gehe, nämlich darum, den drohenden Klimawandel - Rückgang der Gletscher als plakatives Beispiel - aufzuzeigen, um dann wiederum Möglichkeiten zu erörtern, wie der Auftraggeber beim Bau seines Eigenheims zu einer zukunftsorientierten, besseren Umwelt beitragen kann.

In einer Internet-Auktion hatte der Architekt dann die einzigartige Holzskulptur entdeckt, einen frühen Skifahrer oder Alpinisten, eine etwas stilisierte, aber künstlerisch hochwertige Arbeit, die den Geist der Pionierzeit des Skifahrens gut einfängt. Er schrieb, dass die Figur für ihn als begeisterten Skifahrer und Wanderer all das widerspiegele, was er bei der Ausübung seiner Leidenschaft erlebe und fühle. Auch beim Lesen einschlägiger Literatur verkörpere die Skulptur genau das, was die Autoren in ihm hervorriefen. Darüber hinaus habe sie ihn aber auch deshalb besonders berührt, weil sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Fotografien seines Vaters, Ende der 40er Jahre, als Skifahrer habe. Er malte sich aus, wie perfekt gerade diese Figur das Gesamtbild seiner Schauwand abrunden würde. Daher setzte er ein Gebot, konnte jedoch am Abend der Versteigerung nicht Online sein um nötigenfalls nachzubieten und verlor das begehrte Objekt an den Römischen Ritter.

Dieser, selbst ein begeisterter Skifahrer und aufgrund familiärer Wurzeln emotional stark mit den Alpen verbunden, hatte in der Vergangenheit schon einige alte Holzskulpturen aus dem Grödnertal ersteigert, auch aus der Sammlungsauflösung meines Vaters, und freute sich über seine schöne, eigenwillige Neuerwerbung. Der geschnitzte Skifahrer, vermutlich handelt es sich gar um einen ersten Rennläufer, da auf der Brust eine etwas undeutliche Startnummer erkennbar ist, gefiel ihm sehr. Er fand auch gleich einen geeigneten Platz, nämlich in seinem Büro auf dem halbhohen Schrank direkt unter unser beider Lieblingsgemälde von Wilhelm Hofelich, dem "Großen Gletscher".

Als ich meinem fernen Freund nun berichte, dass sein unterlegener Mitbewerber keinerlei wirtschaftliches Interesse an der Figur hegt, sondern sich vorgestellt hatte, damit das Gesamtkonzept einer geplanten Schauwand zu vervollkommnen, um seine Auftraggeber von einer ökologische Bauweise zu überzeugen, wird der Ritter nachdenklich. Das Problem der globalen Erwärmung treibt auch ihn stark um, mehrfach schon hatte er sich in der Vergangenheit in seinen Mails zu dieser Thematik geäußert. "Was meinst Du", fragt er, "sollen wir dem Mann die Skulptur geben?" Die sofortige Bereitschaft, die Figur wegzugeben, berührt mich, aber sie überrascht mich nicht. Denn ich glaube den Ritter mittlerweile doch recht gut zu kennen und habe mit ihm schon einmal eine ähnliche Situation erlebt.

Damals hatte ein Hofelich-Sammler die Auktion eines wunderschönen Gemäldes Wilhelm Hofelichs im wahrsten Sinne des Wortes verschlafen. Er hatte sich nach einem anstrengenden Tag an der Uni nur kurz auf's Ohr legen wollen, schlief aber fest ein und als er erwachte, war die Auktion vorbei und das Bild gehörte dem Ritter. Umgehend erhielt ich eine anrührende Mail des völlig aufgebrachten, "zerstreuten Professors", in der er mir seinen ganzen Jammer schilderte. Erschwerend kam für ihn hinzu, dass Hofelichs "Wintereinbruch in den Alpen" der absolute Favorit seiner Frau war und sie ihn vor ihrer Dienstreise eindringlich gebeten hatte, das Bild für sie zu ersteigern. Wegen seiner Schlafmützigkeit fürchtete er nun einen handfesten Ehekrach. Ich erzählte dem Ritter vom Missgeschick des übermüdeten, schusseligen Sammlers. Und damals war ich in der Tat überrascht, ja überwältigt, als der Römer, der der größte mir bekannte Hofelich-Verehrer ist, sofort großmütig seine Bereitschaft signalisierte, auf das Gemälde zu verzichten. "Schick ihm das Bild!", schrieb er, und bevor die Ehefrau zurückkam, war alles geregelt. Der Pechvogel mutierte sogar noch zum Glückspilz, als er obendrein einen schönen, alten, passenden Rahmen für das Gemälde auf dem Flohmarkt fand.

Doch zurück zur Holzskulptur: Ich schrieb dem Architekten, dass der Römer kein Deutsch versteht und mich daher gebeten hat, den Briefwechsel in seinem Sinne mit ihm zu führen. Wahrheitsgemäß schrieb ich ihm auch, dass es sich bei dem Römer keineswegs um einen Wiederverkäufer handelt, sondern um einen privaten Sammler. Dass er, der Architekt, sich mit solcher Beharrlichkeit um einen Kontakt bemüht habe, um die Skulptur eventuell doch noch erwerben zu können, habe sowohl den Römer als auch mich beeindruckt. Sehr berührt und letztlich überzeugt hätten uns allerdings seine achtbaren Beweggründe. Deshalb, so schrieb ich, wolle ihm der Römer die Figur schenken; er möge bitte seine Adresse mitteilen.

Ein paar Tage lang hörten wir nichts von dem Architekten. Wir übten uns in Geduld, und ich schrieb meinem Freund, dass es sicherlich nicht leicht für den Mann sei, von einem Fremden ein so wertvolles Geschenk anzunehmen. Dann traf die Antwort des Architekten ein. Das angekündigte Geschenk erfülle ihn mit unbeschreiblicher Freude, gleichzeitig mache ihn die Großzügigkeit des Römers in gewisser Weise sprachlos. Die Figur erhielte durch diese persönliche, wertvolle Geschichte des Kennenlernens nun noch einen zusätzlichen Stellenwert. Dafür sei er sehr dankbar und es unterstreiche einmal mehr die Lebensweisheit: "Der Weg ist das Ziel." Auch damit traf der Architekt den Nerv von uns beiden. Der glückliche zukünftige Besitzer der Skulptur versprach, ein Foto von der Schauwand zu schicken, sobald er im Spätsommer sein neues Architekturbüro in einem gerade in Sanierung befindlichen 30er-Jahre-Haus bezogen haben würde.

Wenn nun jemand meint, als Glücklichster müsse der Architekt aus dieser netten Begebenheit hervorgegangen sein, so irrt er. Denn in einem Brief an den Deutschen schreibt der Ritter u.a. folgendes: "...der wahre Beschenkte bin im Grunde ICH; denn ich bin überzeugt davon, eines der besten Geschäfte meines Lebens gemacht zu haben. Jedes Mal, wenn Ihr Blick auf der kleinen Statue ruhen wird, werden Sie nicht umhinkommen zu lächeln und an jenen netten Italiener zu denken, der sie Ihnen geschenkt hat. Verstehen Sie nun, welch' gutes Geschäft es für mich war, mich von der Figur zu trennen? Über Jahre hinweg werden Sie mir in Gedanken freundlich zugeneigt bleiben, und dies wird für mich eine unermessliche und dauerhafte Entschädigung für die verschenkte Skulptur sein."

Diese bezaubernde, kleine Geschichte ist ein erneutes Zeugnis von der Ritterlichkeit der 4. Hauptfigur meiner Homepage und ein weiteres Mosaiksteinchen aus einem phantasievollen und farbenprächtigen Gesamtbild, das sich seit dem Tag, als mir der Römische Ritter zufällig auf dem digitalen Marktplatz über den Weg lief, spielerisch leicht zusammenfügt und beständig wächst.



06/02/2013

© 2004-2011 Gabriele Wittfeld