Hans Tyderle

Alles schien sich zu wiederholen. Mein Mann überraschte mich mit einem Stapel expressionistischer und abstrakter Bilder von beachtlicher Qualität, die - wie seinerzeit die romantischen Werke Ludwig und Wilhelm Hofelichs - sofort meine Aufmerksamkeit erregten.

Die auf Leinwand, Malkarton und Folie ausgeführten Werke waren mit Ha Ty signiert, dem Signum für Hans Tyderle, wie mein Mann bereits herausgefunden hatte.

Die Bilder, gefertigt in Enkaustik, einer mir bis dahin nahezu unbekannten antiken Technik, einer Art Wachsmalerei, zeigten einen Künstler von ungeheurer Bandbreite, der trotz einer gewissen Nähe zum Spätwerk von Oskar Kokoschka und Otto Dix, seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden hatte.

Auf der Rückseite einiger Gemälde hatte Hans Tyderle neben dem Titel auch seine Gedanken zum Werk notiert. Und beim Betrachten der Arbeiten war mir, als läse ich Sequenzen aus einem Tagebuch. Ein Großteil der Bilder sprach mich emotional stark an, einige erschütterten mich, manche verstand ich nicht. Fasziniert war ich von der kräftigen Farbgebung und der starken Symbolsprache der Bilder.

Aus Platzgründen beschloss ich, mich von den großformatigen Werken zu trennen, ebenso von den bedrückenden, alptraumhaften. Die verbleibenden wollte ich einheitlich rahmen lassen und damit mein neues Büro gestalten - ausschließlich mit Tyderle-Kunst! Das, was ein italienischer Sammlerfreund so eindrucksvoll mit Hofelich-Kunst in seinem Bürohaus in Rom umgesetzt hatte, würde ich im ganz kleinen Rahmen für meinen zukünftigen Arbeitsbereich verwirklichen.

Begeistert von dieser Idee und dem Wunsch, etwas über den Künstler zu erfahren, begann ich mit der Suche nach Hans Tyderle. Zunächst wälzte ich die entsprechende Literatur und versuchte es bei Google: jedoch ohne Erfolg! Ein Künstler dieses Namens war nirgends registriert.

Ich fragte bei einem Münchner Kunstsammler an, der mir in der Vergangenheit schon mehrfach kompetente Auskunft über Vertreter moderner Kunst hatte geben können. Aber auch in seiner umfangreichen Datenbank war Hans Tyderle nicht verzeichnet.

Es war wohl Intuition, als ich Wochen später im örtlichen Telefonbuch nachschlug und in der Tat auf einen Tyderle stieß. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn des Malers war, der mir freundlicherweise einige Auskünfte zum künstlerischen Werdegang seines Vater gab und mir sagte, dass Hans Tyderle heute sehr zurückgezogen in der Nähe von Speyer lebe.

Wenngleich ich die Privatsphäre des Künstlers zu respektieren hatte, verspürte ich doch auch weiterhin den Drang, mehr über Hans Tyderle in Erfahrung zu bringen, ihn vielleicht sogar kennenzulernen, ihn befragen zu dürfen zu seiner Kunst, zu seiner bevorzugten Technik, der Enkaustik, und zu seinem langen Künstlerleben.

Ich dachte daran, ihm ein Kapitel auf meiner Website zu widmen. Bilder, um eine virtuelle Tyderle-Galerie installieren zu können, gab es genügend, und ich hatte bereits alle fotografiert und dokumentiert. Doch die wenigen Informationen, die ich über den Maler gesammelt hatte, schienen mir zu spärlich.

Während dieser Zeit diskutierte ich oft mit meinem Mann und kunstinteressierten Freunden über Tyderles Arbeiten. Zwar hatte jeder von uns seine eigene Lesart der Bilder, aber wir waren uns doch darin einig, dass es sich bei Hans Tyderle um einen bemerkenswerten Künstler handelt, der es verdient hätte, einem breiteren Publikum vorgestellt zu werden.

Besonders intensiv tauschte ich mich mit meinem italienischen Sammlerfreund aus, den ich mit meinem Interesse für den unbekannten Künstler regelrecht angesteckt hatte. Mit jedem weiteren Gemäldefoto, das ich ihm per Email nach Rom sandte, wuchs auch seine Neugier, mehr über diesen eigenwilligen deutschen Expressionisten erfahren zu wollen. Die Sichtweise meines Freundes und seine klugen, oftmals recht kühnen Interpretationen der Gemälde halfen mir sehr, die Symbolsprache der aufwühlenden Bilder besser zu begreifen.

Dann kam mir der Zufall zuhilfe. Eine Nichte Hans Tyderles nahm Kontakt zu mir auf. Ich erzählte Ihr von meiner Suche und meinen Plänen. Und ein paar Tage später erhielt ich die Nachricht, dass sich Hans Tyderle über einen Anruf von mir sehr freuen würde.

Nach einem ersten langen Telefonat mit dem Maler, begannen wir einander zu schreiben, ausführliche, mit Tinte geschriebene Briefe; denn der Künstler ist per elektronischer Post nicht erreichbar. Sehr schnell begriff ich, dass ich einem hochsensiblen, scheuen Menschen begegnet war, der sich von der Welt abgewandt hatte. Hans Tyderle fasste Vertrauen zu mir und war einverstanden, dass ich etwas über ihn und seine Kunst auf meiner Webseite veröffentliche.

Nach einem nicht ganz freiwilligen Umzug im Sommer 2006 aus dem Stuttgarter Raum ins Rheinland, schrieb er, habe er Schwierigkeiten, sich an dem neuen Ort einzuleben. Zwar habe er nun ein größeres Atelier und auch eine optimale Möglichkeit, seine Werke zu deponieren, aber es fehle ihm an Schwung und Kraft, die Arbeit an den Blättern, die er bereits vor einem Jahr angelegt habe, wieder aufzunehmen.

Im Verlauf des Briefwechsels wurde mir klar, dass mein Interesse für seine Kunst und für seine Person, den Maler beflügelte, die Arbeiten doch endlich fertigzustellen. Er schrieb mir, dass er sich die Blätter wieder vorgenommen habe und dass ihn die Düsterheit und die dunklen Farben sehr erschreckt hätten. In ein paar Wochen aber, wenn er die Arbeit an der Serie beendet haben würde, werde er etwas neues beginnen, etwas Helles, Heiteres.

Dass ich zu dem Künstler in einer Phase Kontakt aufgenommen hatte, in der er sich ganz offensichtlich in einer schöpferischen Krise befand - in einem tiefen Loch, wie er mir schrieb -, besorgte mich, gab mir aber auch die Möglichkeit, ihn zu bestärken, weiterhin an sich und seine Kunst zu glauben. Mein Zuspruch tat ihm gut, und er dankte mir in bewegenden Worten:
"Oft träumte ich mir eine schöne Geschichte während ich arbeitete und vertraute doch darauf, dass irgendwann ein Mensch, oder ein Engel, Gefallen finden würde an dem, was ich tagtäglich auf Leinwand, Papier oder Folie bringe."

Und weiter: "Heute ist mir, als hätte ich in einem dunklen Keller gearbeitet und plötzlich hätte jemand eine Tür geöffnet und ein heller Strahl von Licht und Freude machte mein Leben sinnvoll."

Nachdem Hans Tyderle meine Geschichte "Spurensuche: Torbole" gelesen hatte, schrieb er mir, dass er vorhabe, sich nun ebenfalls auf Spurensuche zu begeben, in sich hinein, in sein Leben. Doch die rückwärts gewandte Zeitreise wollte ihm zunächst nicht gelingen, zu schmerzlich waren die Erinnerungen, und er bat mich, ihn wie den polnisch-französischen Maler Balthus zu behandeln, der seinem Verleger schrieb: "Keine biographischen Details, beginnen Sie mit folgenden Worten: Balthus ist ein Maler, von dem nichts bekannt ist."

Ich mochte nicht, dass sich Hans Tyderle mit seiner Lebensbeschreibung quälte und bat ihn, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren - seine Malerei! Für die Veröffentlichung würde ich mich vorerst mit dem begnügen, was ich bereits wusste. In weiteren Briefen und bei einem Besuch bei ihm zu Hause erzählte mir Hans Tyderle dann aber doch vieles aus seinem Leben, sodass ich nun in der Lage bin, einige Details zu seinem Werdegang an Sie weiterzugeben.

HANS TYDERLE wurde am 15.12.1926 in Zwittau, Böhmen-Mähren, dem heutigen Svitavy in Tschechien, geboren und wuchs in einer kinderreichen Familie auf. Sein Vater war ein talentierter Zeichner, ebenso die Brüder, und auch Hans fühlte sich bereits in sehr jungen Jahren zur Malerei hingezogen.

Gerade 17 Jahre alt, erhielt er im Januar 1944 seine Einberufung zur Wehrmacht und wurde als Infanterist in Frankreich schwer verwundet. Noch nicht völlig genesen, musste der junge Soldat an der Ostfront weiterkämpfen. 1945 zurück in Mähren erlitt er eine zweite Kriegsverletzung und wurde mit Mutter und Geschwistern aus der Heimat vertrieben. Die Familie fand eine Bleibe in Öhringen (Baden-Württemberg). Der Vater war in den letzten Kriegstagen in Mähren getötet worden.

Nach einer abgebrochenen Lehre als Bildhauer schlug sich Hans Tyderle in den Nachkriegsjahren zunächst mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten durch, bevor er sich über zwei Jahrzehnte lang sehr erfolgreich mit Design, Entwurf und Konstruktion von Beleuchtungskörpern beschäftigte. Er heiratete und gründete eine Familie.

Neben seinem Broterwerbsberuf sah sich Hans Tyderle immer als Maler und war als solcher und auch als Skulpteur äußerst produktiv. Über Zeichnen, Aquarellieren, Monotypieren, Linolschnitt, Malen in Tempera und Öl, fand er früh zur Enkaustik, die er stetig weiterentwickelte und perfektionierte. Als Auftragsarbeiten entstanden aber auch über hundert fantasievolle Masken aus Pappmaché. Da er im Beruf seine Entwürfe hauptsächlich auf Folie skizzierte und die Konstruktionen oftmals in Seide ausführte, arbeitete Hans Tyderle auch in seiner Freizeit gern mit diesen ihm vertrauten Materialien.

Die Vielfalt seiner Sujets ist beeindruckend. Der Künstler beschäftigt sich intensiv mit Porträtmalerei, wobei er häufig Familienmitglieder und Menschen darstellt, die ihm nahe stehen. Auch Selbstbildnisse sind in allen Lebensphasen entstanden und zeugen vom Ringen des Künstlers mit sich selbst, von seinen Stimmungsschwankungen und Ängsten. Des weiteren widmet sich Hans Tyderle politischen und religiösen Themen, dem Akt und der erotischen Malerei, dem Stillleben, der Tiermalerei und in nicht so großem Umfang auch der Landschaft. Hierbei soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Maler die Länder und Landschaften, die er darstellt, nicht immer selbst bereist hat. Oftmals geht es Hans Tyderle lediglich um die künstlerische Umsetzung einschneidender Ereignisse aus dem Weltgeschehen. So gibt es z.B. ein Gemälde mit dem Titel "Regen fällt auf Santiago", das unter dem Eindruck der dramatischen Zustände in Chile entstand, als Präsident Salvador Allende 1973 durch einen Militärputsch gestürzt wurde, in dessen Verlauf er sich das Leben nahm. Der Künstler selbst war nie in Santiago de Chile.

Während Hans Tyderle arbeitet, hört er klassische Musik. Und so kommt es, dass er manchmal auch das Gehörte in seiner Malerei zum Ausdruck bringt. Eines meiner Lieblingswerke des Künstlers ist das Forellenquintett von Schubert. Es vereinigt Selbstbildnis, Akt und sichtbar gemachte Klänge.

Man kann Hans Tyderle als reinen Autodidakten bezeichnen, der sich die verschiedenen Maltechniken im Selbststudium erarbeitet hat. Von der Kunstakademie zwar als begabt erachtet, wurde er dennoch mit der Begründung abgelehnt, er sei zu alt.

Der Maler und der Tod1977 wurde bei Hans Tyderle eine lebensbedrohliche Erkrankung diagnostiziert. Durch eine sofortige Operation konnte er gerettet werden, aber der Künstler musste sich von nun an mit den tiefgreifenden Folgen und erheblichen Einschränkungen, die die Operation nach sich zog, auseinandersetzen. Für den Betrachter der in dieser Periode entstandenen düsteren, beklemmenden Bilderserien ist es hilfreich, um die Ängste Hans Tyderles zu wissen.

Zwei Jahre nach der Erkrankung trennte sich der Künstler von seiner ersten Frau und lebte einige Jahre allein in Ludwigsburg. Er trat dem württembergischen Kunstverein bei und beteiligte sich an Ausstellungen in Ludwigsburg, Ditzingen, Ilsfeld, Hochdorf-Eberdingen, Konstanz, Elmshorn und Kiel. Im Ausland stellte Hans Tyderle seine Arbeiten u.a. in St. Petersburg/Russland aus.

1994 heiratete er ein zweites Mal und lebte mit seiner Frau Gerda zunächst in Gerlingen; heute wohnt das Paar in Rheinhausen bei Speyer.

Seit seinem Eintritt in den Ruhestand widmet sich der Künstler nahezu ausschließlich der Malerei in Enkaustik. Diszipliniert arbeitet er auch im Alter von 80 Jahren an jedem Werktag, solange es die natürlichen Lichtverhältnisse zulassen. Er hat einen hohen Anspruch an sich und vernichtet ohne Ausnahme sämtliche Arbeiten, mit denen er nicht gänzlich zufrieden ist. Malen ist für ihn ein Muss, sein Ventil, sein Ausdrucksmittel, seine Art Tagebuch zu schreiben.



02.06.2013

© 2004-2011 Gabriele Wittfeld