Die versäumte Auktion

Wieder ist es Clemente, der ein Werk Ludwig Hofelichs aufspürt, diesmal in einem Wiener Auktionshaus. Die Email des Berliner Kunstliebhabers erreicht mich in Rom, am Vorabend meiner Rückkehr nach Deutschland. Ich bin in Eile. Wir sind mit Paolo zum Abendessen verabredet. Gespannt klicke ich jedoch auf den angehängten Link und bin aufs Neue erstaunt über Clementes sicheres Auge. Das schlichte Motiv, ein simpler Misthaufen und die rückwärtige Ansicht eines alten Bauernhofes, ist meisterlich ausgeführt. Im Hintergrund erkennt man die Alpen. Der rechte Vordergrund wird dominiert von duftig weißen Dolden der Schafgarbe und allerlei Kraut. Auf dem frischen Grün der Blätter hat Hofelich das Sonnenlicht ganz vortrefflich eingefangen. Ich bin mir sicher, dass Paolo dieses Motiv gefallen wird, schätzt er doch besonders die lichten, heiteren Werke dieses Künstlers.

Ich überfliege die Informationen zum Gemälde, bedanke mich kurz bei Clemente und leite den Link an Paolo weiter. Eine halbe Stunde später sitzen wir mit ihm im Testaccio beim Abendessen. Wir lassen die schöne gemeinsame Zeit in Rom und Latium Revue passieren, scherzen, lachen und packen unsere Abschiedsgeschenke aus. Ich bekomme eine total verrückte Sommerhandtasche, über und über bestickt und besetzt mit Muggelsteinen in allen nur denkbaren Blautönen, vom hellen Türkis über Meergrünblau-Petrol bis Marine! Paolo liebt es fröhlich! Wir genießen die letzten Stunden unseres Zusammenseins und die römischen Leckerbissen. Clementes Entdeckung geht an diesem Abend unter. Zu Hause wird Paolo den Link schon öffnen, denke ich, und das Gemälde finden.

Am darauffolgenden Nachmittag bringt uns der römische Freund zum Flughafen. Er selbst fliegt am Abend nach Malta. Nachdem er dort seine Post abgerufen hat, fragt er per Email an, ob ich Ludwig Hofelich das Gemälde denn mit Sicherheit zuordnen könne, er fände keine Signatur. Doch die ist unten links ganz deutlich sichtbar. Ich vermute, dass Paolo das Gemälde nicht in der Vollbildversion betrachtet hat. Er klagt zudem, die Seite sei nur auf Deutsch und er wisse nicht, wie er ein Gebot abgeben könne. Das Auktionshaus D. präsentiert seine Schätze jedoch in sechs Sprachen, darunter auch in Italienisch. Ich schicke Paolo das Foto des Gemäldes in großer Auflösung und die dazugehörige Beschreibung in seiner Sprache.

Gleich nach unserer Rückkehr aus Rom geht es bei uns Zuhause richtig rund, im wahrsten Sinn des Wortes. Mein Geburtstag steht an, ein runder! Das Haus füllt sich, die Brüsseler kommen und die Greifswalder, alle verfügbaren Betten sind belegt. Es fehlt die Zeit, mich in gewohnter Weise meiner Post zu widmen. Erschwert wird dies noch zusätzlich durch das Überraschungsgeschenk meines Mannes: ein neuer PC und anderes technisches Equipment! Installieren, Daten sichern, mein Schwiegersohn ist vollauf beschäftigt. Zwischendurch störe ich ihn hin und wieder, um meine Emails zu lesen. Die wichtigsten beantworte ich kurz.

Vorsorglich frage ich schon mal bei Clemente an, ob er eventuell bereit wäre, das Gemälde für Paolo zu ersteigern. Er scheint nicht abgeneigt zu sein, könne er sich doch auf diese Weise bei dem Auktionshaus für die seit langem kostenlos zugesandten Kataloge erkenntlich zeigen. Wir beratschlagen, auf welche Weise man vorgehen könnte und welcher Kaufpreis angemessen wäre. Wenn wir auf Nummer sicher gehen wollen, so Clemente, sollten wir ein vierstelliges schriftliches Gebot abgeben. Alternativ könnte man aber auch per Telefon bieten. Ich bevorzuge ganz entschieden letzteres, da wir mit einem schriftlichen Gebot einen bösen Reinfall erlebt hatten. In einem deutschen Auktionshaus wurde ein schwindelnd hohes schriftliches Gebot des Römers exakt bis zum Limit ausgereizt. Das kam uns äußerst suspekt vor. Damals beschlossen wir, nur noch direkt vor Ort oder per Telefon zu bieten.

Ich warte auf Nachricht von Paolo. Sehe jedoch keine Veranlassung, ihm eine SMS zu schicken, da ich nicht ahne, dass eventuell Eile geboten wäre. In der Hauptstadt wartet man indessen auf Instruktion. Verständlicherweise wird Clemente nicht ohne klaren Auftrag und Nennung eines Höchstbetrags aktiv. Nach drei Tagen meldet sich Paolo endlich aus Malta zurück. Das Motiv gefalle ihm sehr, schreibt er. Es erinnere ihn an eine Berghütte in Sella, ein Refugium im Trentino, das ihm seit Kindertagen viel bedeutet. Er bittet mich, das Gemälde für ihn telefonisch zu ersteigern, ein Preislimit nennt er nicht. Daraufhin informiere ich Clemente, doch nun ist es der Berliner, der unterwegs zu sein scheint und nicht antwortet.

Es vergehen noch einmal drei Tage, Geburtstagsfest und Pfingsten sind vorüber, die Gäste abgereist. Langsam freunde ich mich mit meinem neuen, schnellen, völlig lautlosen Elektronenhirn an und gewöhne mich an den schwarzen Sarkophag auf meinem Schreibtisch, der jetzt Drucker, Scanner und Kopierer in sich vereint. Ich nehme erneut Kontakt zu Clemente auf und erkundige mich erstmals nach dem Auktionstermin.

Diesmal antwortet Clemente umgehend, schreibt, dass er sich über eine ausbleibende Reaktion des Römers sehr gewundert habe. Die Auktion sei übrigens vor sechs Tagen über die Bühne gegangen. Mir fährt der Schreck in die Glieder! Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass vom ersten Hinweis auf das Gemälde bis zur Auktion nur acht Tage Zeit wären! Doch die Erlösung folgt auf dem Fuß. Das Gemälde wurde nicht verkauft! Unglaublich! Wie ist das möglich, bei einem nur dreistelligen Ausrufpreis für ein signiertes Meisterwerk Ludwig Hofelichs? Nur Stunden zuvor hatte mich eine Münchner Galerie über meine Website kontaktiert und mir eine kleinformatige monogrammierte Winterlandschaft Ludwig Hofelichs angeboten! Für 9.000,00 Euro!

Obgleich die Wiener Auktion fast eine Woche zurücklag, bestand vielleicht noch die Möglichkeit, das Bild im Nachverkauf zu erwerben. Jetzt musste unverzüglich gehandelt werden. Ich bitte Clemente, sich sofort mit dem Auktionshaus in Verbindung zu setzen. Am nächsten Morgen kommt die Kaufbestätigung aus Wien. Das Gemälde ist unser! Zum Ausrufpreis + Käufergebühr, Steuer, Versicherung und Versandspesen nach Italien! Ich kann es kaum fassen! Manchmal hat man mehr Glück als Verstand! Paolo im fernen Rom versteht überhaupt nicht, was passiert ist. Ich hatte ihm gemailt, dass wir die Auktion versäumt hätten, das Gemälde aber trotzdem kaufen konnten. Wie geht das an? Entweder man gewinnt oder verliert eine Auktion, schreibt er. Es lag am Wörtchen "perdere", das sowohl "versäumen" als auch "verlieren" bedeuten kann. Die Auktion hatten wir versäumt, das Gemälde aber nicht verloren!



06/02/2013

© 2004-2011 Gabriele Wittfeld