Die verweigerte Signatur

Beim Betrachten einer stimmungsvollen, abendlichen Winterlandschaft Wilhelm Hofelichs hatte ich mich in den vergangenen Jahren oft gefragt, weshalb der Künstler dieses Gemälde nicht signiert und darüberhinaus sogar der Zerstörung preisgegeben hatte.

Die Entdeckung des Bildes war reiner Zufall gewesen. Denn bei der Archivierung der Werke von Vater und Sohn Hofelich war uns ein Gemälde Wilhelms aufgefallen, das der besseren Stabilität wegen nochmals auf Karton gezogen war. Unter den Arbeiten des Künstlers fanden sich viele, die auf gestückelten, zusammengesetzten, häufig recht dürftigen Malgründen ausgeführt worden waren. Wilhelms gesamtes künstlerisches Schaffen in den Jahren 1903 bis 1950 war von ständigem Materialmangel geprägt, er musste maßvoll wirtschaften und erfindungsreich sein.

Neugierig und gespannt, ob sich unter dem Gemälde wohl ein weiteres verbergen mochte, hatte sich mein Mann mit einer scharfen Klinge daran gemacht, die beiden Kartons vorsichtig voneinander zu lösen. Offensichtlich musste Wilhelm auch mit Klebstoff haushalten. So waren beide Pappen glücklicherweise nicht vollflächig, sondern nur an den Rändern miteinander verleimt. Mit etwas Mühe und Geduld ließ sich das Gemälde, eine alpine Frühlingslandschaft, vom unteren Karton trennen, ohne Schaden zu nehmen.

Der freigelegte Karton versetzte uns in Staunen. Die lediglich zur Verstärkung gedachte Pappe war in der Tat bemalt. Mit reduzierter Farbpalette, sparsam, jedoch wirkungsvoll dosierten Braun-, Orange- und Rosétönen, sowie etwas Schwarz und sehr viel Weiß hatte Wilhelm eine wundervolle, winterliche Abendstimmung eingefangen. Tief verschneite Wiesen, ein schmaler Bachlauf, am Ufer und am Horizont Buschwerk und ein paar kahle Bäume, die ihre dürren, schwarzen Äste in einen leuchtenden Abendhimmel strecken und ihre Schatten in das klare Wasser legen.

unsigniert

Uns war völlig unverständlich, weshalb Wilhelm dieses zauberhafte kleine Werk überklebt hatte. Die Freude, es entdeckt und bewahrt zu haben, war groß, und die wenigen Narben, die das Bild durch die Rettungsaktion an den Rändern zurückbehalten hatte, ließen sich mit einem passenden Rahmen der Zeit nahezu gänzlich abdecken.

Einer Antwort, weshalb Wilhelm mit diesem Gemälde so zerstörerisch umgegangen war, sollten wir erst viele Jahre später etwas näher kommen.

Im Herbst 2008 meldete mir mein Suchsystem, dass ein Hamburger Kunsthändler ein Gemälde Wilhelm Hofelichs in einer Online-Auktion anbot. Erwartungsvoll rief ich sofort das Angebot auf und mochte meinen Augen kaum trauen: Vor mir auf dem Bildschirm erblickte ich das Ebenbild unserer kleinen Abendstimmung! Nie zuvor hatte ich zwei fast identische Gemälde Wilhelms gesehen, obgleich ich sicherlich mehr als dreihundert seiner Landschaften im Original kenne.

signiert

Nahezu jedes Detail der Darstellung entsprach dem von Wilhelm abgelehnten, missachteten Bild. Es war exakt diesselbe winterliche Flusslandschaft wiedergegeben, die Bäume, der leuchtende Abendhimmel. Auch die Farben stimmten fast völlig überein.

Die wenigen Kriterien, die dieses Bild von unserem unterschieden, waren das Format, das hier nahezu quadratisch war, eine sehr zurückgenommene, schwächere Konturierung sowie... die Signatur!

Unverzüglich informierte ich den Römischen Ritter über das aktuelle Wilhelm-Hofelich-Angebot. Die kleine Winterlandschaft gefiel ihm sehr, und die Möglichkeit, bald ein gleichartiges Gemälde wie das unsrige zu besitzen, fand er äußerst verlockend. Ich erzählte dem Ritter die Geschichte des geretteten Gemäldes, und auch er verstand nicht, weshalb unseres, das in seinen Augen die ansprechendere Variante darstellte, vom Künstler ausgemustert worden war.

In den folgenden Tagen sah ich mir das angebotene Gemälde immer wieder an, einerseits, um die Preisentwicklung im Auge zu behalten, andererseits, um mir eventuell darüber klar zu werden, weshalb Wilhelm Hofelich der sanfteren Darstellung der Winterlandschaft den Vorzug gegeben hatte. Durch die intensive Beschäftigung mit den beiden Gemälden geschah etwas Sonderbares. Empfand ich zu Beginn unser Bild als das eindeutig schönere, war ich ein paar Tage später der Meinung, dass beide gleichermaßen reizvoll seien, und gegen Ende der Auktionsphase fühlte ich mich beinahe etwas mehr der dezenteren Ausführung zugeneigt.

Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wann, wie und wo Wilhelm die beiden Winterlandschaften gemalt haben könnte. Waren beide in Freiluftmalerei direkt vor dem Motiv entstanden wie die meisten Werke des Künstlers? Ich stellte mir vor, dass Wilhelm unser Bild eventuell zuerst gemalt hatte, mit dem Ergebnis jedoch nicht zufrieden war und die Szenerie noch einmal festhalten wollte. Beim zweiten Versuch wählte er einen quadratischen Malgrund und konzentrierte sich auf die linke Seite des kleinen Landschaftsausschnitts; denn auf dem zum Verkauf stehenden Gemälde fehlte das gesamte rechte Drittel. Seinen Standort hatte Wilhelm offensichtlich nicht verändert, mir schienen beide Motive aus dem gleichen Blickwinkel gemalt. Denn wenn man die Bilder mit Photoshop aufeinanderlegt, kann man feststellen, dass das quadratische fast denselben Ausschnitt zeigt wie das querformatige. Die Bäume stehen ein bisschen weiter auseinander, was geschähe, wenn man etwas näher an das Motiv heranginge. Das linke Bachufer gibt jedoch fast den gleichen Abschnitt wieder, sogar noch eine Stückchen mehr. Als kleiner Unterschied zur rechteckigen Variante fällt ins Auge, dass die Horizontlinie des quadratischen Bildes leicht gedreht ist, was aber möglicherweise nur eine Frage der Bildaufteilung war.

Vermutlich hat sich der Künstler beeilen müssen. Die Sonne ging unter, das Licht veränderte sich, die Konturen wurden milder und verschwammen. Die zarte, verhaltene Variante scheint flotter gemalt als die querformatige. Wilhelm hielt sie für gelungen und adelte sie mit seiner Signatur. Vielleicht war es auch so, dass die Lichtverhältnisse nicht mehr ausreichten, um die zweite Version Pleinair zu malen, und Wilhelm hat sie im Atelier fertiggestellt. Letztendlich spielt das aber keine Rolle. Ich wollte nur verstehen, warum der Künstler die beiden Bilder so unterschiedlich wertschätzte, indem er eines akzeptierte und signierte, das andere hingegen vernichtete. Doch so sehr ich auch darüber nachdachte, letztendlich konnte ich mir Wilhelms Beurteilung der Bilder nicht erklären.

Vier Tage vor Auktionsende war durch Gebote verschiedener Interessenten der bis dahin unbekannte, recht hohe Mindestpreis für das kleine Gemälde erreicht. Nun blieb nur noch abzuwarten, ob sich der Römische Ritter im Finale gegen die Mitbewerber würde durchsetzen können. Er konnte! Wieder einmal ging er als strahlender Sieger aus der Schlacht um ein Wilhelm-Hofelich-Gemälde hervor. Und schon wenige Minuten nach Auktionsende traf seine freudige Email ein: "HO VINTO! Adesso abbiamo anche lo stesso dipinto!" (ICH HABE GEWONNEN! Jetzt haben wir sogar das gleiche Gemälde!")... und er fügte hinzu, dass er bereit sei, es mit meinem zu tauschen, falls mir das signierte besser gefiele. Über das großzügige Angebot des Ritters habe ich aber nicht einen Augenblick lang nachgedacht.

Mochte Wilhelm Hofelich unser Bild auch stiefmütterlich behandelt haben, wir taten es nicht. Das kleine Gemälde mit der spannenden Geschichte seiner Entdeckung hat einen festen Platz in unserer Sammlung, es ist nicht auswechselbar, auch nicht im Tausch gegen seine wertvollere signierte Variante.



06/02/2013

© 2004-2011 Gabriele Wittfeld